Dramatische Lage: Marienheim-Pflegeteam wehrt sich gegen Kritik

Das Pflegepersonal des Marienheims in Reith im Alpbachtal zeigt in einem Brief die dramatische Situation auf und fordert von der Politik Solidarität.

Das Marienheim in Reith i. A. ist derzeit geschlossen, nachdem immer mehr Bewohner und Mitarbeiter erkrankten.
© Otter

Von Wolfgang Otter

Reith i. A. – Die Vorgänge im Marienheim sorgen seit Tagen für heftige Diskussionen in der Gemeinde Reith i. A. und darüber hinaus. Wie berichtet, musste das Seniorenheim am Samstag geräumt und geschlossen werden, nachdem immer mehr Bewohner, aber auch Pflegepersonal an Covid-19 erkrankte. Bürgermeister Hans Thaler wandte sich mit einem Informationsschreiben an die Bevölkerung, in dem er eine Mitarbeiterin kritisierte und sich von ihr distanzierte, da diese infiziert den Dienst angetreten hatte.

Das treibt jetzt das Pflegepersonal auf die Barrikaden. In einem offenen Brief an den Gemeinderat, der der TT vorliegt, bezeichnen sie die Art und Weise, wie mit ihrer Kollegin umgegangen wird, „als nicht akzeptabel“. Auch die Frau hat bereits eine Anwältin eingeschaltet. Im Schreiben schildern die Mitarbeiter, in welcher verzweifelten Situation sie sich in den letzten Wochen befunden hatten und dass sich diese aufgrund der vielen Erkrankungsfälle immer mehr zuspitzte.

Am Abend des nun kritisierten Vorfalls sei es nicht möglich gewesen, einen entsprechend ausgebildeten Ersatz für die Infizierte aufzutreiben, da „einige Mitarbeiter bereits erkrankt oder zu erschöpft waren, um einzuspringen“. Die Frau habe auch erst sieben Minuten vor Dienstbeginn erfahren, dass sie positiv ist. Ein vorangegangener Test war übrigens negativ. Mehr noch: „Sie betreute nur bereits durch den Virus erkrankte Personen und das in Schutzkleidung“, wie vom Personal zu erfahren ist. Und: Angeblich seien auch Personen der Gemeindeführung über die Erkrankung zeitnah informiert worden.

Geholfen hat das der Pflegerin aber nichts. Sie befan­d sich in einem absoluten Dilemma: Sie hätte eine Sterbend­e im Stich lassen müssen. Daher arbeitete sie weiter, was zu einer anonymen Anzeige und einem nachfolgenden Polizei­einsatz führte. Letztendlich ist es ihr dann doch noch gelunge­n, einen entsprechenden Ersatz aufzutreiben. Aber angesichts dieser Probleme hätte sich das Pflegeteam nun mehr Solidarität von der Kommunalpolitik erwartet.

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Dass in Reith der Haussegen ordentlich schief hängt, zeigt auch der Vorwurf im Brief an die „Gemeindebediensteten, die leider nicht die volle Unterstützung in dieser schweren Zeit gaben“. So sollen Hilfsangebote mit fadenscheinigen Gründen nicht angenommen und harsch abgewiesen worden sein, „obwohl jede Hilfe, mag sie auch noch so klein sein, eine große Unterstützung gewesen wäre“. Trotz allem freue sich die Belegschaft wieder darauf, sich um die Senioren kümmern zu können, sobald diese ins Heim zurückkehren dürfen. Derzeit sind diese nämlich in Münster untergebracht. Angehörige kritisieren in diesem Zusammenhang eine zeitliche Verzögerung bei der Räumung des Reithe­r Heimes. Zudem bekrittelte Bürgermeister Thaler öffentlich, dass es schwierig gewesen sei, alle Bewohner und das Personal testen zu lassen.

Seitens des Landes Tirol erklärt man dazu, dass, nachdem am 27. März insgesamt 14 positive Testergebnisse von Bewohnern und Mitarbeiter vorgelegen seien, von Seiten der Abteilung Soziales in enger Abstimmung mit weiteren Experten „umgehend an einer Alternative für die nachhaltige, ganzheitliche Betreuung“ gearbeitet worden sei. Auch eine Verlegung aller Bewohner sei in Betracht gezogen worden. Aber viele der Bewohner seien dement und waren bzw. sind schwer krank. „Veränderungen und neue Wohnsituationen stellen für sie einen immensen Stressfaktor dar. Aus diesem Grund hat man sich nach Rücksprache mit den Experten vorerst entschieden, die Betreuung im gewohnten Umfeld weitestgehend aufrechtzuerhalten“, erklärt dazu die Pressestelle des Landes Tirol.

Nachdem aber am 29. März weitere positive Tests, unter anderem von der nun kritisierten Mitarbeiterin, bekannt wurden, musste man sich doch für eine Verlegung entscheiden. Ab 4. April war dann das Haus geräumt.


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