Eine Reifeprüfung für tausende Tiroler Schüler und das System

3673 junge Tiroler treten heuer zur Matura an, 559 zum Examen an einer mittleren Schule. Mit „kreativen Lösungen“ soll das trotz Corona klappen.

Dicht an dicht, in einem Klassenzimmer? So wird die Matura heuer nicht aussehen. Ein Mindestabstand zwischen den Schülern ist Pflicht.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Strenge Hygienevorschriften, Mindestabstand zwischen den Prüflingen und kein mündlicher Teil: Am Mittwoch verkündete Bildungsminister Heinz Faßmann, wie Matura und Abschlussexamen an den Berufsbildenden mittleren Schulen trotz Corona-Krise durchgeführt werden sollen. Bis allerspätestens 25. Mai müssen jetzt auch die Schulen in Tirol klären, wie sie die Vorgaben umzusetzen gedenken. Laut Bildungsdirektion werden hierfür in Ausnahmefällen auch „kreative Lösungen“ nötig sein. Zudem wird eine Sonderkommission eingerichtet, die für Lehranstalten allfällige Fragen zu den Modalitäten beantworten soll.

Zur Matura treten heuer 3673 Tirolerinnen und Tiroler an, 559 werden die Abschlussprüfung an einer Berufsbildenden mittleren Schule (BMS) absolvieren. Für diese insgesamt 4232 jungen Menschen und ihre Eltern stelle die Ankündigung von Bildungsminister Faßmann „eine gewisse Planungssicherheit her“, sagt Tirols Bildungsdirektor Paul Gappmaier. „Der Minister hat den Fahrplan bekannt gegeben, die Eckpfeiler. Die Schulen brauchen, um die Prüfungen dann aber auch wirklich organisieren zu können, Detailregelungen. Dazu braucht es eine Verordnung. Viele Fragen sind deshalb im Moment noch offen.“

Bei Benotung andere Maßstäbe ansetzen

Niemand soll sitzenbleiben. Diese Forderung geistert, angesichts von Schulschließungen und Online-Unterricht, weltweit durch viele Bildungssysteme. In Tirol ist das derzeit jedenfalls nicht geplant, sagte Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) gestern bei einer Pressekonferenz.

Bei der Benotung der Schüler sollen die Lehranstalten aber wegen der „veränderten Bedingungen“ auch „andere Maßstäbe ansetzen“. Dass alle ausnahmslos in die nächste Klasse versetzt werden, hält Palfrader nicht für zielführend. „Wir müssen immerhin sicherstellen, dass jemand der aufsteigt, auch in der nächsten Klasse den Lernerfolg erzielt.“ Hier soll individuell abgewogen werden.

Für angehende Gymnasiasten hat die Corona-Krise keine Auswirkungen. Für die Aufnahme an einer weiterbildenden Schule zählt die Semester-, nicht die Jahresabschlussnote.

Gappmaier geht davon aus, der Bildungsminister wird den entsprechenden Erlass bald unterzeichnen und „damit Rechtssicherheit für das weitere Vorgehen schaffen. Nachdenken, wie sie es dann umsetzen werden, können und tun die Schulen jedoch jetzt schon. Etwa darüber, wie eine räumliche Entzerrung bei den Prüflingen gelingen kann.“ Heißt: Wie kann der Mindestabstand eingehalten werden? Für den Bildungsdirektor ist daher die Logistik die größte Herausforderung, mit der Schulen konfrontiert sein werden.

Ob etwa die Schüler in einem großen Saal oder auf mehrere Klassen verteilt an den Prüfungen schreiben werden, sei von Standort zu Standort zu entscheiden. Denn beispielsweise in Turnhallen, ist nicht unbedingt die technische Infrastruktur gegeben, die es für die Abwicklung braucht. „Es wird – abhängig vom jeweiligen Schulstandort und von den dortigen räumlichen Gegebenheiten – kreativer Lösungen bedürfen“, heißt es dazu von der Bildungsdirektion. Und wenn eine Lehranstalt in den eigenen Räumen – warum auch immer – nicht entsprechend den Hygienevorschriften eine Prüfung abhalten kann? Dann sei es laut Auskunft der Bildungsdirektion zumindest „denkbar“, dafür auf Gebäude anderer Einrichtungen auszuweichen.

Wie Bildungsdirektor Gappmaier gestern im Gespräch mit der TT betonte, gab es seit Mittwochmittag viele Telefonate mit verunsicherten Lehranstalten. „Wir richten deshalb eine Sonderkommission ein, die Fragen der prüfungsführenden Schulen zur Matura beantworten soll. Es wird eine eigene E-Mail-Adresse eingerichtet, an welche die Anliegen geschickt und von uns schleunigst angegangen werden können.“

Auch Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) glaubt: „Es wird die Schulen vor große organisatorische Herausforderungen stellen.“ Nun gelte es, von Seiten der Bildungsdirektion die Vorgaben des Ministeriums umzusetzen und an die prüfungsführenden Schulen weiterzuleiten. Palfrader: „Einfach wird es nicht.“

Lehrabschlussprüfung teils online

Das Corona-Virus und die damit einhergehenden Abstandsregeln führen zu ganz neuen Prüfungssituationen. So führt das Prüfungsservice der Tiroler Wirtschaftskammer nun Lehrabschlussprüfungen (LAP), Meisterprüfungen, die Ingenieur-Zertifizierung sowie die Unternehmerprüfung online durch, wie die WK in einer Aussendung mitteilt.

„Wir bieten auf freiwilliger Basis die Abhaltung von Prüfungen online an. Und zwar in allen Fachbereichen, in denen das sinnvoll und praktisch umsetzbar ist“, erklärt Hansjörg Steixner, Teamleiter im Prüfungsservice der WK Tirol.

Für Verwirrung gesorgt habe am Mittwoch die Ankündigung von Bundesminister Faßmann, dass der positive Abschluss der Berufsschule den theoretischen Teil der LAP ersetzt. „Das galt auch schon vor Corona“, stellt Hansjörg Steixner klar, „die praktische Lehrabschlussprüfung ist jedenfalls wie bisher zu absolvieren – und diese besteht aus der Prüfarbeit bzw. einem Geschäftsfall und dem Fachgespräch. Die ersten Fachgespräche habe man bereits online abgehalten.

Demnächst folgen Online-Fachgespräche zur Lehrabschlussprüfung in den Bereichen Augenoptik, Chemie und Metall. Die praktischen Prüfungsteile würden schnellstmöglich absolviert, sobald dies die rechtlichen Rahmenbedingungen zulassen.


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