Caritas-Präsident Landau: „Müssen sozialen Shutdown verhindern“

Caritas-Präsident Michael Landau fordert regelmäßige Covid-19-Testungen von Pflegepersonal und mehr Schutzausrüstung für dieses.

„Das Risiko ist für die Generation der Hochbetagten am höchsten und diesen Menschen schulden wir viel“, befindet Landau.
© Oliver Berg/dpa

Herr Landau, Sie sind seit 2013 Präsident der Caritas Österreich, leiten seit 1995 die Wiener Caritas. Haben also sehr viel Erfahrung. Wie schlimm ist die derzeitige Krise?

Michael Landau: Wir erleben derzeit eine behördlich verordnete Fastenzeit – sie wird vermutlich noch länger dauern. Und sie wird allen Menschen in unserem Land in Erinnerung bleiben. Aber ich weiß auch, es wird der Tag kommen, an dem wir zurückblicken werden, wo wir ein zweites Ostern feiern und wo wir sagen, wir haben unser Bestes gegeben. Ich bin sicher, dass wir das schaffen. Das Virus bekämpfen wir am besten mit 1,5 Metern Körperabstand, die Folgen am besten mit Zusammenhalt, Nächstenliebe, Zuversicht und Solidarität. Gerade auch die Erfahrung der Vergangenheit lehrt mich: Wir haben den Mut, die Phantasie und auch die Stärke, Gegenwart und Zukunft gut zu gestalten, wenn wir das wollen. Die aktuelle Krise macht aber auch deutlich: große Aufgaben fordern jede und jeden Einzelnen. Diese großen Aufgaben lassen sich aber ebenso nur gemeinsam bewältigen. Was wir derzeit stark spüren, ist, dass die Menschen, die zuvor schon in der Krise waren, jetzt nochmal deutlich härter betroffen sind. Das sehen wir etwa bei wohnungslosen Menschen, Mindestpensionisten, kinderreichen Familien und Arbeitslosen.

Sie fordern eine "Solidaritätsmilliarde" für die Ärmsten im Land. Heißt das, die Bundesregierung hat bei ihren Hilfspaketen auf die Schwächsten vergessen?

Landau: Diesen Eindruck habe ich nicht. Man kann durchaus anerkennen, dass schon eine Reihe von Schritten gesetzt wurden – etwa der Delogierungsstopp, die Unterstützung für Kleinstunternehmen, die Hilfe für besonders von Not betroffene Familien, aber auch die Kurzarbeit. Klar ist auch: die Wirtschaft zu retten, ist wichtig, aber wir dürfen jetzt nicht die Menschen vergessen, die schon vor dieser Krise in einer Krise waren, aber auch jene nicht, die nun unverschuldet in Not geraten. Es geht um Alleinerziehernde, um Arbeitslose, Mindestpensionistinnen, kinderreiche Familien. Wir brauchen jetzt eine Solidaritätsmilliarde für die Schwächsten in unserem Land, damit aus der Gesundheitskrise von heute nicht die soziale Krise von morgen wird. Wir müssen einen sozialen Shutdown unseres Landes verhindern.

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Damit das nicht passiert, ist es nötig, die Ausgleichszulage auf 1000 Euro zu erhöhen. Zudem wäre es wichtig, die Betroffenen bei den Mieten zu unterstützten. Das Thema leistbarer Wohnraum hat auch schon vor der Krise viele Menschen beschäftigt. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Mehrkindzuschlag zu erhöhen. Auch das Thema Einsamkeit sollte angepackt werden. Mich persönlich beschäftigt auch, der Zugang von Kindern zu Bildung. Das ist entscheidend zur Armutsvermeidung und zur Armutsbekämpfung. Bei der Corona-Nothilfe-Hotline (erreichbar unter 05 17 76 300 von Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr) rufen verzweifelte Menschen an, die nie gedacht hätten, dass sie einmal auf die Hilfe der Caritas angewiesen sein werden. Dort rufen Menschen unter Tränen an, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Wir haben deshalb auch unsere Obdachlosenarbeit ausgebaut und mit der Verteilung von Lebensmitteln und Hygienepaketen in einer Reihe von Bundesländern begonnen. Auch in St. Johann in Tirol verteilen wir etwa Lebensmittel- und Hygienepakete.

Wie ist die Situation in der Pflege?

Landau: Auch hier hier leisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter großartige Arbeit – mit ganz viel persönlichem Einsatz und in großer Professionalität. Ich glaube: Die Pflege-Thematik ist gut angekommen bei Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungsträgern. Die Aufgaben sind fordernd und brauchen einen breiten Schulterschluss. Da sind alle gefordert, wenn es darum geht, zu schauen, dass etwa 24-Stunden-Betreuerinnen – und das ist vor allem in den östlichen Bundesländern ein Thema – über die Grenze kommen können. Dem Außenministerium bin ich dankbar, dass es hier unterstützt. Ein Thema, das uns massiv beschäftigt, sind Schutzausrüstungen. Es kann nicht sein, dass Schutzmasken und Schutzkleidung an die Meistbietenden gehen. Sie müssen an jene gehen, die den meisten und dringendsten Bedarf haben – und das sind nicht zuletzt Pflegerinnen und Pfleger. Zudem muss es in der Pflege, so wie es in den Spitälern Standard ist, regelmäßige Testungen geben. Das Risiko ist für die Generation der Hochbetagten am höchsten und diesen Menschen schulden wir viel. Sie sind es, die unser Land aufgebaut haben. Hier sind Bund und Länder massiv gefordert.

Menschen in Altersheimen müssen nun besonders geschützt werden – etwa durch Besuchsverbote. Das muss für die Senioren besonders hart sein.

Landau: Einsamkeit war vor der Krise eine Zivilisationskrankheit und wird durch die Krise verschärft. Wenn wir Menschen aus nachvollziehbaren Gründen raten, soziale Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, dann bedeutet das für viele, dass sie dann gar keine sozialen Kontakte mehr haben. Da sind besonders alleinstehende und ältere Menschen betroffen. Beim Thema Einsamkeit geht es aber auch um junge Menschen. Bei der Corona-Hotline der Caritas rufen nicht wenige Menschen an, weil sie jemanden zum Reden suchen. Wir haben mit dem Plaudernetz (www.plaudernetz.at) deshalb eine neue Initiative gestartet, um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Meine Bitte gerade in diesen Tagen: Pflegen Sie den Kontakt, wenn er auch nicht physisch möglich ist, rufen Sie doch an, schreiben Sie, denken Sie an liebe Menschen und beten Sie für sie. Ich möchte auch an alle Tirolerinnen und Tiroler appellieren, die ja noch stärker als andere Regionen gefordert waren und sind, körperlich Abstand zu halten, aber einander innerlich nahe zu sein. Mir hat sehr gut gefallen, was Bischof Hermann Glettler gesagt hat: Es geht darum, die Nächstenliebe jetzt in der Coronakrise zu intensivieren.

„Es kann nicht sein, dass Schutzmasken und Schutzkleidung an die Meistbietenden gehen“, sagt Michael Landau.
© APA

Glauben/Hoffen Sie, dass die Coronakrise zu einem Umdenken in der Gesellschaft und Wirtschaft führt?

Landau: Es ist eine Chance, den Blick zu weiten. Das österreichische Außenministerium hat beschlossen, eine Million Euro für Afrika zur Verfügung zu stellen. Das halte ich für ein wichtiges Zeichen, denn gerade jetzt dürfen wir etwa die Länder Afrikas nicht vergessen. Und allgemein hat die Krise deutlich gemacht: wir handeln wirtschaftlich global, politisch multilateral, moralisch-ethisch aber erstaunlich provinziell. Was jetzt ansteht, und das spüren zunehmend mehr Menschen, ist eine Globalisierung des Verantwortungsbewusstseins. Große Aufgaben können wir nur gemeinsam bewältigen. Weiters sollten wir die Maßstäbe unseres Fortschritts sowie das Tempo von Produktion und Konsum in den Blick nehmen. Wir sollten also die Frage nach einem Fortschritt mit menschlichem Maß stellen. Und: Es ist in diesen Tagen sehr viel Wertschätzung zu spüren für Menschen – meist sind es Frauen – die in der Pflege, in den Schulen oder in Supermärkten arbeiten. Ich hoffe, dass diese Wertschätzung über die Krise hinaus spürbar sein wird.

Die finanzielle Bewältigung der Krise und die Verteilungsfrage wird uns nach der Krise beschäftigen: Vizekanzler Werner Kogler ist zur „gerechten Krisenfinanzierung“ für eine Besteuerung von „Millionen-und Milliarden-Erben“. Was halten Sie von dieser Idee?

Landau: Wir sind als Caritas Armutsexperten und nicht Steuerexperten. Ich glaube aber, der Wiederaufbau nach der Krise gehört gemeinsam geschultert und alle sollten hier gemäß ihren Möglichkeiten einen fairen, solidarischen Beitrag leisten. Nach der letzten Krise 2008 ist die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergegangen. Das sollte uns nicht nochmals passieren. Es braucht beides: Wirtschaft und Soziales.

Das Gespräch führte Serdar Sahin


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