Leben in der Isolation: Hilfe für die Seele ist jetzt besonders wichtig

Psychiater warnen, dass der Alkohol- und Drogenkonsum, Depressionen, Angst- und Panikstörungen stark zunehmen. Noch schwieriger ist die Isolation für Menschen mit Vorerkrankungen.

Jeder Zweite hat im Laufe des Lebens eine psychische Krise. Jetzt sind viele gefährdet.
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Von Alexandra Plank

Innsbruck – „Vielen kommt die Situation wie ein Albtraum vor, aus dem sie nicht aufwachen“, sagt Manfred Müller, Psychiater und Fachgruppenobmann für Tirol und Österreich. „Ich appelliere an die Verantwortungsträger, auch die psychischen und psychosozialen Aspekte der Krise zu berücksichtigen, sonst bekommen wir massive Folgeprobleme in allen Bereichen.“ Derzeit werde die seelische Not richtig spürbar. „Vor allem Patienten mit Angst- und Panikstörungen, Depressionen und die Themen soziale Isolierung, Alkoholprobleme und auch Suizidalität bereiten uns große Sorgen.“

In 16 Tiroler Kassen- und etwa 40 Wahlarzt-Praxen sowie in Krankenhäusern und Ambulanzen bieten die Fachärzte Hilfe an. „Wir sind Anwälte der psychisch Kranken und, trotz des bestehenden Psychiater-Mangels, gerade in dieser allumfassenden Krise da.“ Aus Gründen des „Distanz-Haltens“ finden Kontakte vor allem telefonisch statt. Diese Behandlung wurde mit den Kassen vereinbart. In dringenden Fällen sind, samt Schutz, aber weiter Face-to-Face-Konsultationen möglich. Vorherige Anrufe sind nötig.

Erste Hilfe bei Krisen bietet auch die Corona-Sorgen-Hotline (0800400120). Laut LR Gabriele Fischer werden Therapien, die so vermittelt werden, per Kasse abgerechnet.

Die Isolation sei für alle Menschen schwierig, sagt Robert Fiedler vom Verein start. Jene mit psychischen Vorerkrankungen seien aber „dünnhäutiger“. Oft fehle es an intakten Beziehungen: „Familienmitglieder nerven zwar oft, aber es ist gut, nicht alleine zu sein.“

Tagesstrukturen hätten vor der Krise dafür gesorgt, dass die Zeit der Patienten mit Arbeits-, Sport- und Gesprächsangeboten ausgefüllt waren. „Viele Klienten sind körperlich beeinträchtigt und zählen zur Hochrisiko-Gruppe. Daher bieten wir Beratungen übers Telefon an“, so Fiedler. Doch der persönliche Kontakt sei schwer zu ersetzen. Aktuell arbeite man an Konzepten, um die Tagesstruktur bei Erfüllung der Auflagen hochzufahren.

Elmar Kennerth, Vorsitzender des Tiroler Interessenverbandes für psychosoziale Inklusion (TIPSI), fordert die Politiker auf, in der Krise nicht auf psychisch Kranke zu vergessen. Der gesundheitsfördernde direkte Kontakt breche großteils weg. Auch ihm fehlt die Tagesstruktur: „Es ist schwer, aus dem Bett zu kommen und nicht in ein Loch zu fallen.“ Als Maßnahme sei die kurzfristige Aufstockung von Therapieplätzen nach Tiroler Modell – das zahlt überwiegend die Kasse – sinnvoll.

Alex Hofer, Direktor der Univ.-Klinik für Psychiatrie I, ist überrascht, wie gut ambulante Patienten bisher mit der Situation zurechtkommen. „Der befürchtete Ansturm ist ausgeblieben. Oft wird unterschätzt, dass Menschen, die psychisch krank sind, schon deutlich schwierigere Situationen gemeistert haben.“ Dennoch sei es wichtig, die psychosoziale Betreuung, sobald es die Pandemie erlaubt, wieder auf persönlichen Kontakt umzustellen. Auf längere Sicht sei eine Verschlechterung der Befindlichkeit der Patienten zu befürchten.

Wie viele Neuerkrankte die Krise bringe, sei nicht abschätzbar. „Gute Beziehungen, Kreativität und Humor tragen dazu bei, die aktuelle Situation besser zu bewältigen.“

3 Fragen an ...

Petra Sansone, Tiroler Kinder und Jugend GmbH, erklärt, dass junge Menschen besonders gefährdet sind.

1. Wie stark sind Kinder und Jugendliche gefährdet? Das Potenzial ist hoch. Der Stress hat zugenommen: Existenzängste, finanzielle Engpässe, Sorge um den Arbeitsplatz oder Arbeitslosigkeit verstärken die Anspannung. Viele Familien leben seit Wochen auf engstem Raum mit wenig Ausweichmöglichkeiten. Wenn Kinder die Sorge der Eltern spüren und mit Unruhe reagieren, steigt die Überforderung und die Gefahr von Gewalt.

2. Was tut der Kinderschutz? Wir halten telefonisch oder per Videotelefonie Kontakt zu Familien, die bei uns in Betreuung sind. In akuten Krisensituationen beraten wir seit dieser Woche mit Schutzmaßnahmen auch wieder in unseren fünf Beratungsstellen.

3. Ist die Schulsozialarbeit gefordert? Sie hat sofort mit telefonischer Beratung und Kontakt-Halten über neue Medien begonnen. Ab nächster Woche unterstützen wir das Bemühen der Bildungsdirektion, die Schüler zu erreichen, die bisher kaum oder nicht ansprechbar waren.

Das Interview führte
 Alexandra Plank


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