Ludwig van Beethoven: Dem Schicksal in den Rachen gegriffen

Die Geburtstagsfeiern für Ludwig van Beethoven fallen bis auf Weiteres aus. Dem Rang des Komponisten schadet das nicht.

Der geniale Lockenkopf Beethoven gilt als der meistgespielte klassische Komponist.
© Imago

Von Ursula Strohal

Innsbruck –„Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“ war einst die verzweifelte Frage seines Zeitgenossen Franz Schubert.

„Wer vermag nach Corona heuer noch Beethoven zu machen?“ In Kontakt mit dem Publikum und sinnstiftend im Jubiläumsjahr, das den 250. Geburtstag des Monolithen (1770–1827) in nie gekanntem Ausmaß und beinahe bis zur Anmaßung „Wir sind Beethoven“ abfeiern wollte? Spannend, dass die Krise, die kulturell das Schweigen bringt, ins Gedenkjahr jenes Musikers fällt, der die Welt so entscheidend verändert hat, der wankende gesellschaftliche und politische Gefüge bis in seine Musik hinein mittrug, der eben nicht nur ein Zeuge, sondern Mitgestalter des Umbruchs vom 18. zum 19. Jahrhundert war.

Eine neue Doppel-CD von Andreas Staier (harmonia mundi) bringt die Klaviersonaten op. 31 sowie die Variationen op. 34 und 35 auf dem Hammerklavier unter dem Titel „Ein neuer Weg“ heraus. Die Werke sind in dem besonderen Jahr 1802 veröffentlicht worden, als der junge Beethoven nach den napoleonisch geprägten revolutionären Zeiten einen „neuen Weg einzuschlagen“ gedachte. Nicht mehr als Pianist, sondern als Komponist nach eigenen Ansprüchen, nicht mehr Lakai und Musikus aus Gottes Hand, sondern als selbstbewusstes „Ich“, das den Weg vorzeichnete für den Genie-Kult der Romantiker.

„Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen"

Der „neue Weg“ ging einher mit seinem Lebensdrama, der 1802 in dem erschütternden „Heiligenstädter Testament“ dokumentierten Ertaubung. Und doch: „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht.“

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Die Taubheit verlangte ihm unvorstellbare geistige Leistungen ab und machte ihn, wohl auch durch die nicht zuletzt seinem hohen Alkoholkonsum geschuldete schlechte allgemeine gesundheitliche Verfassung, zu einem Mann, der, auf sich selbst zurückgeworfen, Konventionen trotzte. Er war kein Freund absoluter Systeme, ließ sich vom Adel, den er gelegentlich auch brüskierte, aber finanziell fördern.

Beethoven hatte, misshandelt vom Vater, in Bonn keine gute Kindheit, aber eine solide Ausbildung und wurde ein brillanter Pianist. Als solcher fand er, ab 1792 in Wien und als Schüler Haydns, Anschluss an hohe Kreise und zur karrierefördernden Damenwelt. Er heiratete nie, sein Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ gibt (trotz Vermutungen) bis heute Rätsel auf.

Seine Dritte Symphonie, „Eroica“, widmete er, beeinflusst von den freiheitlichen Impulsen der Aufklärung und Verehrer der Französischen Revolution, Napoleon, strich die Widmung jedoch, als sich dieser zum Kaiser krönen ließ. Als seine Neunte Symphonie mit dem Schlusschor über Schillers Gedicht „An die Freude“ 1824 uraufgeführt wurde, saß Beethoven mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne und glaubte an einen Misserfolg. Als man ihn bewog, sich umzudrehen, sah er das Publikum jubeln.

Zementiert als Denkmal

Was komponieren, nach Beethoven, nach den Symphonien, den 32 Klaviersonaten, den Streichquartetten? Beethovens Schatten ist groß, bis heute. Er wurde vereinnahmt, zementiert als Denkmal des einsamen, kämpferischen Heroen, der Musik für die Ewigkeit schreibt. Da war aber doch auch der verletzliche, ergeben hoffende Beethoven, der sagte: „Sich selbst darf man nicht für so göttlich halten, dass man seine eigenen Werke nicht gelegentlich verbessern könnte“, der mit den Noten rang, mit Gott und der Religion, aber auf moderne Art tief spirituell war.

Wäre es nicht denkbar, dass Ludwig van Beethoven dem Schicksal dankt, das seinem Jubiläumsjahr in den Rachen gegriffen hat? Um nicht der Maßlosigkeit eines vermeintlich feiernden Übereifers ausgesetzt zu sein.


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