Landeshauptmann Günther Platter: „Auch privat nicht sorglos werden“

Angesichts der langsamen Öffnung des Handels appellieren LH Günther Platter und der Direktor der Klinik für innere Medizin in Innsbruck, Günter Weiss, Schutzmaßnahmen einzuhalten.

Für Platter und Weiss sind gut ausgestattete regionale Gesundheitsstrukturen das Um und Auf in der Zukunft.
© Land Tirol

Mit der heute schrittweisen Öffnung der Geschäfte besteht eine gewisse Gefahr, dass es wieder zu mehr Corona-Ansteckungen kommen könnte. Wie will man das verhindern?

Günther Platter: In Tirol waren und sind wir von derPandemie stärker betroffen alsdie anderen Bundesländer. Deshalb haben wir von Anfang an die härtesten Maßnahmen getroffen. Wie schon in den vergangenen Wochen ist die richtige Balance das Entscheidende. Das wird die Herausforderung bei der Lockerung sein. Deshalb mein Appell: Wir müssen die Balance zwischen Gesundheit, Wirtschaft und Freiheit finden. Dazu gehören im Alltag Schutzmasken, das Abstandhalten und der Schutz der Risikogruppen. Und dass bei möglichen Neuinfektionen rasch Testungen und eine Isolierung erfolgen. Zugleich müssen wir die Auswirkungen der langsamen Öffnung genau analysieren.

Günter Weiss: Wir schauen uns täglich die Entwicklungen an. Wobei wir die Auswirkungen, ob es zu einem Anstieg der Infektionen kommt oder die Disziplin der Bevölkerung weiterhin so gut funktioniert wie bisher, wahrscheinlich erst in zwei Wochen sehen werden. Entscheidend sind weiterhin„social distancing“, Händehygiene und Maskenpflicht. Vor allem im privatenBereich darf man nicht sorglos werden. Dort findet schließlich die Hauptübertragung statt. Hier sollten diegeltenden Beschränkungen unbedingt eingehalten werden, damit es zu keinem rapiden Anstieg kommt. Ein kleiner ist vielleicht nicht ganz zu verhindern, aber verkraftbar. Trotz der Öffnung können wir es jedoch schaffen, die Infektionsrate so gering wie möglich zu halten oder sogar zu senken.

Wie würden Sie Normalität in den nächsten Monaten beschreiben?

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Weiss: Das Signal, dass man wieder einkaufen kann oder mehr rausgehen darf, sollte jedenfalls nicht dazu verleiten, so weiterzutun wie vor Corona; dass man sich wieder trifft, die Oma besucht oder die Kinder bei den Großeltern lässt. Das könnte zu neuerlichen Infektionen führen. Deshalb: Bitte weiterhin die Schutzmaßnahmen einhalten, besonders zu Hause.

Platter: Der Großteil der Bevölkerung hält sich an die Vorgaben. Trotzdem habe ich über Ostern wahrgenommen, dass ältere und jüngere Menschen wieder öfters zusammenkommen. Davor kann ich nur warnen, denn die Risikogruppen müssen einfach geschützt werden. Bis es einen Impfstoff gibt, werden wir eine neue Normalität erleben. Bis dahin müssen wir die Neuerkrankungen so gering wie möglich halten und das soziale Leben mit Einschränkungen meistern. Wie es früher war, wird es in dieser Zeit leider nicht möglich sein. Zugleich muss das wirtschaftliche Leben, so gut es geht, angekurbelt werden. Das wird ein tagtäglicher Balanceakt werden.

Was sind die Erfahrungen aus der medizinischen Versorgung von Spitals- bzw. Intensivpatienten? Sind wir auf eine zweite Infektionswelle vorbereitet?

Weiss: Die Entwicklung der vergangenen zehn Tage zeigt, dass wir zuerst eine Stabilisierung auf den Normalstationen erreicht haben und jetzt einen leichten Rückgang der belegten Betten feststellen. Auf den Intensivstationen ist das mit einer Verzögerung von einer Woche erfolgt. Es bleibt konstant und wir haben noch Kapazitäten: mehr als 50 Prozent auf den Normal- und 40 Prozent auf den Intensivstationen. Am Landeskrankenhaus Innsbruck konnten wir eine Station wieder aus dem Covid-Bereich herausnehmen.

Platter: Wir müssen alles unternehmen, damit es zu keiner zweiten Welle kommt. Deshalb benötigt es ständiges Monitoring, damit wir sofort gegensteuern können. Was die Versorgung betrifft, war es vor drei Wochen noch ungewiss, ob unser Spitalssystem das aushält. Vor allem in Zams. Weil die Kurve bei den Infizierten nicht so angestiegen ist und aufgrund der vorhandenen Kapazitäten an Spitalsbetten, konnten wir die Situation bewältigen. Doch wir waren auf alles vorbereitet, auch mit Notkrankenstationen oder Betten in Hotels.

Wird der Normalbetrieb in den Krankenhäusern jetzt wieder hochgefahren?

Weiss: Wir behandeln schon derzeit mehr Patienten, die nicht an Corona erkrankt sind. Aktuell versuchen wir, auch wieder mehr ausgewählte Eingriffe und Behandlungen durchzuführen, obwohl wir das nie ganz runtergefahren haben. Vor allem, wenn sie akut waren. Zum anderen wollen wir die Regelversorgung wieder auf ein normales Maß hochfahren, um allen Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen lassen zu können. Wichtig ist außerdem, dass wir alle unsere Patienten durch konsequente Hygienemaßnahmen weiterhin bestmöglich vor einer Ansteckung schützen. Deshalb trennen wir die Bereiche in den Spitälern.

Wie wird sich Corona auf das Gesundheits- und Spitalssystem in der Zukunft auswirken?

Weiss: Es wird ein gewisses Umdenken stattfinden (müssen). In Österreich haben wir pro Kopf mehr stationäre Betten und deswegen mehr Kapazitäten zur Verfügung, die sich jetzt als Segen erweisen. Sowohl bei den Intensiv- als auchbei den Normalbetten können die Spitäler eine optimaleVersorgung gewährleisten. Was wir trotzdem benötigen, sind Regionalität und Unabhängigkeit bei Schutzmaterialien wie Masken und Medikamenten. Das darf nicht alles in entfernte Regionen ausgelagert werden, obwohl es bei uns vielleicht ein wenig mehr kostet.Doch es geht dabei auch um die Qualität und Verfügbarkeit der Produkte.

Rechnungshofpräsidentin Margit Kraker meinte zuletzt, dass föderale Strukturen in einer Krisensituation ein einheitliches, rasches Agieren behindern können. Was sagen Sie dazu?

Platter: Zuvor noch zur Gesundheitspolitik. Wie schon Professor Weiss erklärt hat, benötigt es gut ausgestattete regionale Strukturen im Gesundheitssystem. Unseres hat der Krise bisher standgehalten. Auch dank unserer Ärzte in den Spitälern und im niedergelassenen Bereich. Ein harter Sparkurs in den Spitälern wäre deshalb fatal. Die Abhängigkeit bei medizinischen Produkten müssen wir ebenfalls massiv reduzieren und wieder in Europa produzieren.

Und die Kritik Krakers?

Platter: Ich gebe ihr schon Recht, weil europäische bzw. weltweite Pläne zur Bewältigung der Krise gut wären. Aber die konkrete Beurteilung hat trotzdem vor Ort zu erfolgen. Wenn Italien auf Europa gewartet hätte, wären die Probleme wohl noch größer geworden. Überregional muss es klare Konzepte geben, die Umsetzung und die Entscheidungen sollten allerdings regional erfolgen.

Das Interview führte Peter Nindler


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