Seuchen: Schon vor Jahrtausenden wurden Kranke isoliert

Zwei Medizinhistoriker sprechen über das Erfolgskonzept Quarantäne, Lehren aus früheren Seuchen und mögliche Folgen der Corona-Pandemie.

Zwischen 25 und 50 Millionen Menschen starben weltweit von Anfang des Jahres 1918 bis Ende des Jahres 1920 an der Spanischen Grippe. In den USA wurden Kranke in riesigen Hospitälern behandelt (im Bild), ganze Städte abgeriegelt.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck –Hunderte Millionen Menschen stehen weltweit unter Quarantäne oder dürfen ihr Zuhause nur eingeschränkt verlassen. Noch nie zuvor schotteten sich Kontinente, Staaten oder Kommunen so rigoros ab wie derzeit. Isolation ist eine bewährte Methode. Sie wird seit Jahrtausenden gegen die Ausbreitung von Seuchen angewandt. Krankheitsausbrüche ließen die Gesellschaft aber auch dazulernen, neue Wege zum Schutz der Allgemeinheit entwickeln. So wird es auch nach der Corona-Pandemie sein.

Bereits in der Antike sind Kranke von den Gesunden separiert worden, sagt Philipp Osten, Medizinhistoriker und Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik in der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Beispielsweise wurden Leprakranke schon früh in eigens dafür eingerichteten Heimen untergebracht.“ Auch auf Inseln seien diese Menschen, deren Leiden durch eine Infektion mit einem Bakterium ausgelöst wurde, verfrachtet worden. „Im 14. Jahrhundert, zu Zeiten der Pest, wurden ganze Orte abgesperrt.“ Da es keine Medikamente gegen die Krankheiten gab, sei Isolation die einzige wirklich wirksame Methode gewesen, um eine Ausbreitung der Seuchen zu verhindern, sagt er.

"Strafe Gottes vermutet"

Und auch aus der jüngeren Geschichte gebe es laut Osten Fälle, die das Erfolgskonzept Quarantäne bestätigen können. An der Spanischen Grippe starben von Jänner 1918 bis Dezember 1920 weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen, rund 700 Millionen sollen sich infiziert haben. „Als die Krankheit in den USA grassierte, wurde die Stadt St. Louis komplett abgeriegelt, alle Geschäfte geschlossen. Dort ging die Zahl der Erkrankten dann rapide nach unten.“ Anders war es in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia, wo lange sehr lax mit der Krankheit umgegangen und sogar Straßenparaden abgehalten wurden. Hier war die Opferzahl wesentlich höher.

Wie Gemeinschaften auf den Ausbruch einer Seuche reagieren, hängt für Elisabeth Dietrich-Daum, Medizinhistorikerin an der Universität Innsbruck, auch immer damit zusammen, „wie die Krankheit aufgefasst wird“. Sprich: Ob etwa eine Ansteckung von Mensch zu Mensch oder eine Strafe Gottes vermutet wird. Letzteres sei im Mittelalter häufiger der Fall gewesen, weshalb „Bußen, Gebete oder Opfergaben das Mittel der Wahl waren. Die Menschen damals waren aber nicht blind und konnten beobachten, dass Seuchen herumwandern und etwas mit den ankommenden Schiffen zu tun haben könnten.“ Erste Isolationshospitäler in Norditalien und der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik sind für das 14. Jahrhundert belegt, sagt Dietrich-Daum.

Meldepflicht unerlässlich

Was die Seuchen wirklich auslöste, war über Jahrhunderte unbekannt. „Erst glaubten die Menschen, dass schlechte Dämpfe aus der Erde dafür verantwortlich seien“, erzählt Philipp Osten. Deshalb hätten Quarantänemaßnahmen zwar bedingt gewirkt, wirklich besiegt hätten die Krankheiten aber nicht werden können. „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dann die Bakteriologie vom deutschen Arzt Robert Koch und dem französischen Chemiker Louis Pasteur begründet. Ihnen war es gelungen, Bakterien zu isolieren, sie zu züchten und als Krankheitserreger zu identifizieren.“ Viren konnten laut dem Medizinhistoriker lange nur vage beschrieben werden. „Erst ab den 1940er-Jahren, mit der Erfindung des Elektronenmikroskops, wurden sie sichtbar.“

Für Elisabeth Dietrich-Daum hängt „der Erfolg von Quarantäne und andere Formen der Isolierung aber eng an einer anderen Technik“. Und zwar der Meldepflicht von Krankheitsfällen und Toten, um Maßnahmen gegen Seuchen besser steuern zu können. Dies sei in Österreich „schon seit über 250 Jahren Bewältigungspraxis“. Angefangen bei der im Jahr 1770 gegründeten Sanitätshofdeputation, die „als oberste Gesundheitsbehörde Seuchengeschehen überwachte“, bis hin zum heutigen Epidemiegesetz.

Notwendige Lehren ziehen

Nach einer verheerenden Cholera-Epidemie in Hamburg Ende des 19. Jahrhunderts wurden dort eine Müllverbrennungsanlage errichtet, neue Gesetze gegen unhygienisches Wohnen erlassen, die Sanitätsstruktur komplett modernisiert. „Wir lernen eins zu eins aus der Geschichte und am besten aus der jüngeren und jüngsten“, sagt Philipp Osten. Auch aus der aktuellen Situation dürften entsprechende Lehren gezogen werden, glaubt Elisabeth Dietrich-Daum. Die reine Entwicklung eines Medikamentes oder einer Impfung gegen Corona sei jedenfalls nicht genug. „Vielleicht werden Industriestaaten bereit sein, auch bei Seuchenausbrüchen in Entwicklungsländern solidarischer zu sein, zum Schutz aller Menschen. Oder aber den Warnungen der Weltgesundheitsorganisation eher Gehör zu schenken.“ Noch sei das aber Spekulation. Was geschehen wird, zeige die Zeit.


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