Viele Geschäfte in Tirol wieder offen: Ein ganzes Land sucht nach dem Alltag

Vier Wochen lang waren viele Geschäfte in Tirol geschlossen, seit Dienstag hat ein Großteil wieder offen. Baumärkte wurden gestürmt, kleine Läden freuten sich über jeden Kunden. Grundstimmung: vorsichtig optimistisch.

Lange Schlangen, wie hier in Innsbruck, bildeten sich besonders morgens vor den Eingängen zu Baumärkten im ganzen Land.
© Rachle

Innsbruck, Wörgl, Kufstein, Reutte, Lienz –Petra Wolfschluckner ist zufrieden. Auf dem Parkplatz vor einem Baumarkt im Osten Innsbrucks zeigt sie auf die Einkaufstüte und sagt: „Bilderrahmen für meine Puzzles war ich kaufen. Wenn die nämlich nur so rumliegen, dann machen die Katzen alles kaputt.“ Und außerdem, meint sie, „waren wir jetzt alle lange genug zu Hause“, steigt mit Mann und Kindern in den Wagen. Vier Wochen lang mussten die meisten Geschäfte im Land geschlossen bleiben, als Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus. Seit Dienstag dürfen viele wieder öffnen. Und die meisten taten das auch.

Etwa 80 Prozent der Geschäfte, die durften, haben bei uns im Land auch aufgesperrt.
Alois Schellhorn (GF Sparte Handel in der Wirtschaftskammer)

Nach der Ruhe kam der Ansturm. Zumindest in dem Laden, den Wolfschluckner gestern am späten Vormittag verlassen hat, herrscht reges Treiben. Am frühen Morgen habe die Schlange der Kunden sogar bis zur Straße gereicht, erzählen Mitarbeiter. Die Menschen mussten deshalb auf Einlass warten, weil sich nur eine bestimmte Zahl zeitgleich im Verkaufsraum aufhalten darf. Jeder trägt Schutzmaske, auf Abstand wird geachtet, die Desinfektionsspender am Eingang benutzt. Werkzeug, Blumenerde, Klobrillen – der Warenkorb ist bunt gemischt, die Einkaufswagen oft prall gefüllt. So wie in Innsbruck war es gestern in den meisten Tiroler Baumärkten, einige wurden regelrecht gestürmt.

📽 Video | Lokalaugenschein in Innsbruck

In einer Modeboutique in der Innsbrucker Gilmstraße steht Besitzerin Monika Rettenbacher hinter dem Tresen, sortiert Röcke, Pullover und T-Shirts. „Überrannt wurde ich nicht“, sagt sie. „Aber Kunden kommen. Und wenn ihnen etwas gefällt, sie es nehmen, denkst du dir: Juhu, ich habe was verkauft. Früher war das normal, heute freu’ ich mich sehr.“ Onlineshop besitzt sie nämlich keinen, erzählt Rettenbacher, weshalb es umso mehr auf den Vertrieb direkt in ihrem Laden ankomme. „Ein bisschen Normalität“ will die Kauffrau trotz allem verspürt haben. „Wäre da nicht das mit den Mundschutz.“

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Wobei auch diese Pflicht, die für alle wiedereröffneten Läden gilt, bloß Gewöhnungssache sei. Und für sie kein große Problem. „Eine Dame kam heute ohne rein, darauf musst halt aufpassen. Bei meinem kleinen Verkaufsraum aber kein Problem. Die meisten Leute haben schon jetzt von sich aus eine Maske mit. Ich habe am Eingang zwar welche bereitgestellt, braucht es aber nicht.“

Öffnen konnten am Dienstag neben Bau- und Gartenmärkten auch Läden, deren Verkaufsfläche kleiner als 400 Quadratmeter ist. „Etwa 80 Prozent jener Geschäfte, die durften, haben bei uns im Land auch aufgesperrt“, sagt Alois Schellhorn. Er ist Geschäftsführer der Sparte Handel in der Tiroler Wirtschaftskammer und erzählt von einem „reibungslosen ersten Tag für den Handel. Abgesehen von den Baumärkten waren aber die Umsätze etwas mau. Sie liegen im Vergleich mit einem normalen Werktag bei rund 50 Prozent.“ Dennoch sei es, den Umständen entsprechend, ein erfreulicher Tag und ein Schritt in Richtung Normalität.

📽 Video | Viele Geschäfte in Tirol wieder offen

Ohne grobe Zwischenfälle oder Beschwerden, meint der Sparten-Geschäftsführer: „Eine Mutter hat sich darüber aufgeregt, dass in ihrem Ort kein Papierfachgeschäft öffnen durfte, weil deren Verkaufsfläche zu groß ist. Deshalb konnte sie bei sich in der Gemeinde freilich nicht das Schulheft für den Nachwuchs kaufen.“ Besonders auffällig ist laut Schellhorn, „dass es wenig Laufkundschaft gab. Besonders Stammkunden kamen zum Einkaufen. Die Treue freut uns natürlich sehr.“

Auch in Innsbruck streiften die Menschen durch die Einkaufsstraßen.
© Rachle

Ähnliche Erfahrungen machten auch die Geschäftsleute im Außerfern. Reuttes Kaufmannschaftsobmann Christian Senn freut sich, dass fast alle der 150 Mitgliedsbetriebe wieder öffnen konnten. „Viele Kunden hatten sich bei unseren Betrieben gemeldet und erklärt ihnen die Treue zu halten und mit dem Kauf zuwarten zu wollen, bis sie wieder aufsperren. Erfreulich, die Bevölkerung hält uns die Stange.“ Wolfgang Zangerl, Inhaber des Schreibwaren- und Buchhandelsgeschäftes Lechleitner im Reuttener Obermarkt, kam gestern auf geschätzte 40 Prozent des gewöhnlichen Umsatzes. „Aber wir sind trotzdem sehr froh, wieder aufsperren zu können. Jeder Euro zählt.“

Wenig los war hingegen gestern noch im Tiroler Unterland. In Kufstein und auch in Wörgl waren die Einkaufsstraßen fast leer. Geöffnet hatten hingegen auch wieder kleine Läden in Osttirol, besonders in der Bezirkshauptstadt Lienz. Doch auch dort war der Kundenandrang noch eher gedämpft.

"Ein schönes Gefühl, wieder hier zu sein"

Ein Eichhörnchen springt über die Wiese, gelbe, rote, lila Tulpen säumen die Wege, alles blüht. Margit D. schiebt Dienstagmittag ihr Fahrrad durch „die einzig wirklich grüne Erholungsoase in unserer Stadt“. So nennt sie den Innsbrucker Hofgarten, der wie alle Bundesgärten, am Dienstag nach langer Sperre wieder für die Bevölkerung zugänglich ist. „Die letzten Tage war ich viel im Wald unterwegs. Heute war ich in der Altstadt etwas besorgen und dachte mir am Heimweg, dass ich doch durch den Hofgarten spazieren könnte.“ Für D. ein „schönes Gefühl“, wieder hier zu sein, die Blumen zu bestaunen und einfach frische Luft zu schnappen. „Ein bisschen Normalität.“

An einer Bushaltestelle im Zentrum der Landeshauptstadt stehen wenig später zwei Frauen. Ihre Gesichter haben sie bereits mit einem Mund-Nasen-Schutz bedeckt, denn seit gestern gilt auch in den öffentlichen Verkehrsmittel Maskenpflicht. Die allermeisten halten sich daran. „Wirst sehen“, sagt die eine Dame zur anderen, „in ein paar Tagen sperren sie uns alle wieder ein.“ „Ach geh, sei nicht so. Und pass halt auf, dass dich nicht ansteckst“, lautet die Antwort. Ob die Zahl der Corona-Infizierten trotz geöffneter Geschäfte gering bleibt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Am Dienstag suchten viele Tiroler, auch beim Einkaufen, ein klein wenig altbekannten Alltag. (bfk, hm, TT)


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