Ein Nest mit Wechselwärme: Wie es nach der Trennung weitergehen kann

Nach einer Trennung leben knapp 80 Prozent der Kinder bei der Mutter. Beim Nestmodell bleiben die Kinder hingegen in der Familienwohnung, die Eltern ziehen wechselweise ein.

Wenn sich die Eltern trennen, muss für die Kinder nicht auch die gewohnte Umgebung zerbrechen: Beim Nestmodell bleiben die Kinder in ihrer vertrauten Familienwohnung.
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Von Beate Troger

Innsbruck – Eine Woche ist Mama-Zeit, die andere Woche Papa-Zeit. Doch für die Kinder ändert sich in ihrer vertrauten Umgebung nichts. Obwohl die Eltern getrennt sind, leben die Kinder konstant im einst gemeinsamen Familiendaheim. Eine Woche zieht die Mutter ein und betreut den Nachwuchs, die nächste Woche der Vater.

Dabei handelt es sich um das so genannte Nestmodell, das eine Alternative zu den bisher gebräuchlichen Familienmodellen im Fall einer Trennung der Eltern darstellen soll. „In Tirol gibt es noch so gut wie keine Erfahrungswerte mit dem Nestmodell“, sagt Christian Hiltpolt, Leiter der Erziehungsberatung im Land Tirol.

Beim Nestmodell besteht die Gefahr, dass die Bedürfnisse der Eltern zu kurz kommen.
Christian Hiltpolt (Leiter der Erziehungsberatung, Land Tirol)

Auch wenn diese Regelung auf den ersten Blick sehr kinderfreundlich wirkt, warnt Hiltpolt davor, dass die Bedürfnisse der Eltern auf der Strecke bleiben. „Dass das getrennte Paar einen friedlichen und respektvollen Umgang miteinander pflegt, ist absolute Grundvoraussetzung“, sagt der Experte, dennoch fehle für die früheren Partner oft Raum zum Rückzug. Er stellt es sich im Alltag sehr schwierig vor, wenn in der Wohnung der Kinder auch der Ex-Partner mit seinen Privatgegenständen, seinem Lebensstil oder auch seinem Geruch immer noch irgendwie präsent sei.

Dass sich Eltern um eine gute Lösung für die Kinder bemühen würden, begrüßt er, dennoch müsse beachtet werden, dass diese Lösung auch für die Eltern stimmig sei. „Eine Trennung, bei der Kinder betroffen sind, ist ein riesiger Einschnitt, der oft mit Schmerz, Wut oder Trauer verbunden ist“, sagt er. Auch die Eltern müssten diese Emotionen und auch die Neuorganisation des Alltagslebens als Familie verarbeiten und brauchen dafür Raum, Zeit und Privatsphäre als Rückzug.

Meist sei das Nestmodell in der Anfangsphase einer Trennung eine Übergangslösung, sagt Karin Urban, Leiterin des Zentrums für Ehe und Familie in Innsbruck. Die dauerhafte Umsetzung scheitere oft an den praktischen Rahmenbedingungen und vor allem an den hohen Wohnkosten. „Im Idealfall könnten sich die getrennten Partner eine Wohnung teilen, für die Zeit, in der sie nicht bei den Kindern leben“, sagt Urban, doch dies gestalte sich in der Praxis als sehr schwierig. „Man braucht sehr viel Platz“, meint sie, „diese drei Wohnungen müssen natürlich auch finanziert werden.“

Wichtig ist, dass sich Eltern respektvoll begegnen und Kinder nicht hineinziehen.
Karin Urban (Zentrum für Ehe und Familie)

Nichts ist mehr, wie es war. Zerbricht eine Familie, gibt es oft Streit und Tränen. Der wichtigste Aspekt, damit die Trennung mit möglichst wenig Schmerz für alle Betroffenen gelingt, sei, dass Mutter und Vater die Paarebene von der Elternebene trennen können, sind sich beide Erziehungsberater einig.

Eine objektive beste Lösung gebe es prinzipiell nicht. „Im Grunde ist es nicht so wichtig, für welches Modell man sich entscheidet, solange die Eltern respektvoll miteinander umgehen und die Kinder nicht in Loyalitätskonflikte hineinziehen“, ist Karin Urban überzeugt. Erklären und kindgerete

Je nach Alter bzw. Entwicklungsstufe der Kinder reagieren die Kleinen natürlich auf diesen massiven Einschnitt im Familienleben. „Sehr oft aber kann die endgültige Trennung auch ein erlösender Schritt sein, weil Kränkungen und Streit ein Ende haben“, räumt Christian Hiltpolt ein. Denn damit gebe es die große Chance, dass sich alle Beteiligten auf einer neuen Ebene wieder begegnen und zueinander finden können. „Kinder müssen spüren und erleben, dass Mama und Papa sie nach wie vor lieben und für sie da sind, dann verkraften sie eine Trennung gut“, sagt Hiltpolt.

Die verschiedenen Modelle im Fall einer Trennung

2018 sind in Tirol 1159 Ehen geschieden (36,2 %) worden. Dazu kommen noch unzählige Trennungen von unverheirateten Paaren.

Residenzmodell: Rund 80 Prozent der Kinder leben nach der Trennung bei einem Elternteil, überwiegend bei der Mutter. Sie haben einen Hauptwohnsitz und einen Lebensmittelpunkt, unabhängig von der Obsorge. Für den anderen Elternteil, der zu Unterhaltszahlungen verpflichtet ist, gibt es klar geregelte Besuchszeiten.

Doppelresidenzmodell, auch Wechselmodell genannt: Die Kinder leben jeweils eine oder zwei Wochen bei einem Elternteil, ihr Lebensmittelpunkt ist nicht klar definiert. Dafür fallen keine Unterhaltszahlungen an, weil sich beide Elternteile die Erziehung und Betreuung teilen.

Nestmodell: Die Kinder bleiben in der einst gemeinsamen Familienwohnung. Die Eltern ziehen abwechselnd etwa für eine Woche ein.


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