Akira Kurosawas „Rashomon“: Sinnlich bis zur Abstraktion

Mit Akira Kurosawas „Rashomon“ öffnete sich die westliche Filmwelt vor gut 50 Jahren dem Weltkino – und entdeckte einen Schauspieler, ohne den Hollywoods spätere Antihelden undenkbar wären: Toshiro Mifune.

Toshiro Mifune, dessen Geburt sich dieser Tage zum 100. Mal jährte, in Kurosawas Samurai-Film „Yojimbo“ (1961). Der Schauspieler starb 1997.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Es ist nur folgerichtig, dass Akira Kurosawas „Rashomon“ ausgerechnet bei den Filmfestspielen von Venedig seinen Triumphzug begann. „Rashomon“ war 1951 der erste japanische Film überhaupt, der bei einem großen Festival gezeigt wurde. Und er gewann den „Goldenen Löwen“, wenig später folgte der Oscar. Nach Faschismus und Krieg, nach Jahren eskapistischer und propagandistischer Mittäterschaft war auch das Kino misstrauisch geworden: Da kam ein Film, der groß proklamierte Wahrheiten in Frage stellte, gerade recht. In „Rashomon“ wird eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Details und Stoßrichtung variieren. Wer ist der Schurke? Wer sagt die Wahrheit? Antworten bleibt der Film schuldig. Dafür ist man um eine atemraubende Erfahrung reicher: Selbst in gestochen scharfem Schwarz-Weiß gibt es mehr als schwarz und weiß.

Toshiro Mifune, der dieser Tage 100 geworden wäre, spielt in „Rashomon“ einen Banditen mit funkelnden Augen; Aber darf man diesem ersten Eindruck trauen? Oder ist er nicht zu verdächtig, um tatsächlich der Böse zu sein?

Einige Jahre später wird Mifune in „Yojimbo“ (1961) erneut einen Tunichtgut spielen: Einen Antihelden, der wenig sagt, aber alles durchschaut, einen „man with no name“, ohne den Clint Eastwood und eine ganze Armada großer Schweiger undenkbar wären. Und das nicht nur, weil Sergio Leones „Eine Handvoll Dollar“ (1964) ein dreistes „Yojimbo“-Plagiat war.

16 Filme hat Kurosawa zwischen 1948 und 1965 mit Mifune gedreht – darunter die Meisterwerke „Die sieben Samurai“ (1957) und „Zwischen Himmel und Hölle“ (1962). „Rashomon“ machte beide auch außerhalb Japans bekannt. Der Kinokaiser und sein Samurai. So werden sie bis heute beschrieben. Eine Zuspitzung, ein Klischee. Als Kaiser galt Kurosawa auch in Japan. Allerdings eher, weil er in den Toho-Studios mit harter Hand regierte – bis er nach „Menschen im Abseits“ (1970) selbst im Abseits landete. Seine späten Filme – der oscargekrönte „Dersu Uzala“ (1975) zum Beispiel – wurden außerhalb Japans finanziert.

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Gemeinhin gilt Akira Kurosawa als „Japans westlichster Regisseur“. Tatsächlich studierte er das frühe Hollywood, zählte Griffith, Capra aber auch Friedrich Wilhelm Murnau zu seinen Vorbildern, hatte ein Faible für die Western von John Ford, Groschenromane und gewichtige Klassiker. Er verfilmte Dostojewskis „Idiot“ (1951), Gorkis „Nachtasyl“ (1957) und machte aus „Macbeth“ sein „Schloss im Spinnwebwald“ (1957). Andererseits arbeitete er sich an japanischen Realitäten ab, ließ in „Ein streunender Hund“ (1949) einen – von Mifune gespielten – Polizisten im kriegsversehrten Tokio seine verlorene Waffe (und damit seine Würde) suchen und stellte in „Zwischen Himmel und Hölle“ Klassendenken aus. Mit Mifune als überfordertem Fabrikanten. Eine feine Charakterstudie. Keine Spur vom Samurai. Auch in „Rotbart“ (1965), dem letzten gemeinsamen Film von Kurosawa und Mifune, spielt der Star zurückhaltend, fast abstrakt. Bewegt, ohne große Geste. Wie es überhaupt das Spannungsfeld von überbordender Sinnlichkeit und grafischer Strenge ist, das Kurosawas Filme auszeichnet.

Über die Gründe des Bruches zwischen Regisseur und Darsteller schwiegen beide beharrlich. Wahrscheinlich war es Mifune leid, für Kurosawa zu warten. Die Dreharbeiten zu „Rotbart“ zogen sich über 15 Monate. Zahllose Angebote schlug Mifune dafür aus. Auch Hollywood interessierte sich inzwischen für ihn. Als er dort schließlich ankam, erwarteten ihn Schurkenparts in B-Movies – und die TV-Serie „Shogun“. „Schund“, befand Kinokaiser Kurosawa.

Trotzdem sollen Francis Ford Coppola und George Lucas, die Kurosawas „King Lear“-Adaption „Ran“ (1985) produzierten, den Meister bekniet haben, Mifune zum Lear zu machen. Aber Kurosawa blieb unerbittlich. Und Coppola und Lucas gaben sich geschlagen. Vor allem Lucas hatte Kurosawa viel zu verdanken. Nicht nur Grundplot und Wischblenden hatte er sich für seinen „Krieg der Sterne“ (1977) von Kurosawas „Die verborgene Festung“ (1958) geliehen. Auch einen durchtriebenen Antihelden, der sich mit der richtigen Seite erst anfreunden muss. Lucas nannte ihn Han Solo. Bei Kurosawa hieß er Makabe. Meisterhaft verkörpert von Toshiro Mifune.


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