Wenn der Fuchs den Wanderweg nimmt: Erholt sich die Natur in der Krise?

Rückzugsgefechte: Aus der Corona-Krise könnte man lernen und wichtige Schritte für den Erhalt der Artenvielfalt setzen, sagen Ökologen.

Derzeit sind wir nicht so abgelenkt und nehmen viele Kleinigkeiten in der Natur wahr.
© Rüdisser

Von Sabine Strobl

Innsbruck – Fuchs und Auerhahn nehmen neuerdings den Wanderweg. Tagfalter flattern bunter und Vögel zwitschern lauter als gewohnt. Der Mensch hat sich vor einigen Wochen aus der Natur zurückgezogen, sie scheint sich zu erholen. „Ist dem wirklich so? Wohl kaum – weil es sich dabei nur um kurzfristige Effekte handelt“, betont der Innsbrucker Ökologe Johannes Rüdisser, der auch Mitglied des Österreichischen Biodiversitätsrats ist.

Auch wenn wir derzeit am Morgen einen Fuchs im Stadtgebiet entdecken, so ist dies weniger durch eine Kehrtwende in der Natur bedingt als eine Folge einer Verhaltensänderung. „Und zwar beim Fuchs und Menschen: Der Fuchs erkundet nun plötzlich menschenleere Straßen und wir Menschen beobachten vielleicht etwas aufmerksamer und zu anderen Zeiten, was denn da draußen los ist“, so Rüdisser.

Manche Tiere – wie im Gebirge – sind derzeit weniger gestört, das schafft aber noch keine neuen Lebensräume. „Aber vielleicht gelingt es uns, infolge der Corona-Krise auch andere wichtige Herausforderungen und Probleme unter einem neuen Blickwinkel zu sehen.“

„Vielleicht gelingt es uns, auch andere wichtige Herausforderungen unter einem neuen Blickwinkel zu sehen.“ Johannes Rüdisser
, Ökologe
© Rüdisser

All die Maßnahmen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, haben gezeigt, wie schnell und wie viel eine Verhaltensänderung der Gesellschaft bewirken kann. „Die Maßnahmen sind sinnvoll. Aber ich denke auch darüber nach, wo noch Maßnahmen sinnvoll wären. Das sind für mich in erster Linie das Artensterben und der Klimawandel.“ Zumal beide Entwicklungen die Lebensqualität bedrohen.

"Verlust an Biodiversität und Lebensraum führt zu Leid"

Während bezüglich Klimawandel mit der geforderten Reduktion der fossilen Treibstoffe die Richtung für viele bereits vorgegeben ist, scheint laut Rüdisser bei der Biodiversitätskrise, also dem Schwund der Artenvielfalt und deren Lebensräumen, noch zu wenig Bewusstsein vorhanden zu sein. Fakt ist, dass durch den Ressourcenverbrauch ein massiver Druck auf den Ökosystemen lastet. So verschwinden täglich Arten, noch bevor man ihren Nutzen für den Menschen, wie etwa in der Medizin, kennt. Fazit: „Der Verlust an Biodiversität und Lebensraum führt zu menschlichem Leid, zu Armut und Tod“, so Rüdisser.

Wenn Insekten durch rücksichtslose Landnutzung keine Lebensräume mehr finden, verhungern nicht nur Singvögel, sondern es fehlen auch die Bestäuber, was zu Ernteeinbußen führt. So gibt es in der Kulturlandschaft heute über ein Drittel weniger Brutvögel als in den Nullerjahren. Jede zweite Schmetterlingsart wird in Roten Listen angeführt.

Schmetterlinge sind wie Bienen

Durch das Tiroler Monitoring von Tagfaltern, das auch in anderen Bundesländern aufgenommen werden soll, werden langfristige Veränderungen dokumentiert. Viele Insekten überleben drei oder mehr Mahden pro Sommer nicht. Weiter oben gehen die einst extensiv genutzten Flächen zurück, da ihre Bewirtschaftung sehr aufwändig ist, sie verwalden. Das heißt, die für Schmetterlinge wichtigen Magerwiesen verschwinden. „Ältere Menschen kennen eine Wiese voller Schmetterlinge, Kinder oft nicht mehr“, stellt Rüdisser fest. Schmetterlinge sind wie Bienen und Hummeln wichtige Bestäuber.

Multifunktionale Landschaft wichtig

Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie viel plötzlich möglich ist. Für den Artenschutz besonders wichtig hält Rüdisser eine multifunktionale Landschaft, in der wertvolle Lebensmittel erzeugt werden und die Lebensraum für Tiere und Pflanzen bleibt. Diese Forderung kann man laut Rüdisser leicht an die Landwirtschaftsförderung knüpfen, die immerhin 40 Prozent des EU-Budgets ausmacht. „Auch die Corona-bedingten Wirtschaftsförderungen sollten unbedingt an Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und der Reduktion des Klimawandels geknüpft werden“, sagt Rüdisser.

Aber Biologen könnten sich auch etwas von der Wirtschaft abschauen und ebenfalls eine vierteljährliche Prognose über den Zustand der Artenvielfalt machen. Rüdisser: „Die Lebensgrundlage Artenvielfalt ist gleich wichtig wie die Wirtschaft.“


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