Flüssiges Gold aus der Vene: Plasmaspenden im Kampf gegen die Pandemie

In den vergangenen Wochen gingen die Plasmaspenden zurück. Experten sind besorgt, denn die Produktion von Medikamenten, auch im Kampf gegen Corona, hängt davon ab.

Ein Bild vor der Corona-Krise: Aktuell wird beim Plasmaspenden mehr Abstand zwischen den Betten gehalten.
© Welzig

Von Manuel Lutz

Innsbruck – Für rund 40.000 Österreicher ist der Weg zum Plasmaspenden ein gewohnter Ablauf. Mit der Lektüre auf dem Schoß und einer Nadel im Arm geht es etwa 40 Minuten lang auf die Liege. Dafür gibt es im Anschluss eine Aufwandsentschädigung von 25 Euro und man wird sogar zum Lebensretter. Denn aus Plasma werden lebenswichtige Medikamente wie zum Beispiel zur Behandlung der Bluterkrankheit oder von Autoimmunerkrankungen hergestellt.

Im Gegensatz zur Blutspende geben die Spender dabei nur den flüssigen Bestandteil des Blutes her. „Durch Zentrifugation, auch Plasmapherese genannt, wird das Plasma von den Blutzellen getrennt, die dem Spender wieder zurückgegeben werden. Im Spenderbeutel bleibt das Blutplasma übrig, das zu über 90 Prozent aus Wasser und Mineralien besteht. Circa sieben Prozent sind Eiweiße und Proteine, die machen die besondere Eigenschaft des Plasmas aus. Daraus werden in einem vielschichtigen Produktionsverfahren über 20 verschiedene lebenswichtige Medikamente gewonnen“, erklärt Matthias Gessner, Leiter von BioLife Europe. Zu dem Unternehmen gehört auch das Plasmazentrum am Mitterweg in Innsbruck.

Matthias Gessner (Leiter von BioLife Europe): „Durch das Coronavirus sind etwa 40 bis 50 Prozent weniger Spenden als normal in diesem Zeitraum.“

Seit der rasanten Verbreitung des Coronavirus sind die Spenden hierzulande drastisch zurückgegangen. „Es sind etwa 40 bis 50 Prozent weniger Spenden als normal in diesem Zeitraum“, ist Gessner alarmiert. Da Plasma-Spendezentren zur kritischen Infrastruktur zählen, seien sie jedoch weiterhin geöffnet. Zudem würden alle behördlichen Anforderungen, im Sinne der Sicherheit der Spendenden, strikt befolgt. „Spender werden angehalten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Beim Eingang wird die Temperatur gemessen, jemand mit Fieber wird sofort nach Hause geschickt. Zwischen den Betten wurde der Abstand entsprechend vergrößert. Zudem gibt es genügend Desinfektionsmaßnahmen. Das Risiko, sich mit dem Coronavirus hierbei zu infizieren, ist aufgrund der Maßnahmen extrem gering“, stellt Gessner klar.

Monika Wiesner (Takeda ): „Es kann jeder in die Situation kommen, dass er ein Produkt, das aus Plasma hergestellt wird, dringend benötigt.“
© Lukas Lorenz

Pro Spende werden bis zu 700 Milliliter Plasma entnommen – je nach Gewicht und Körpergröße. Aufgrund des für den Körper schonenden Verfahrens könne bis zu 50-mal pro Jahr gespendet werden, zwischen den Sitzungen müssten aber 72 Stunden liegen. „Ein Termin kann telefonisch ausgemacht werden. Im Plasmazentrum gibt es davor einen Gesundheits-Check vom Arzt, ob der Spender geeignet ist und das Plasma hohe Qualitätsanforderungen erfüllt“, so Gessner.

Angst vor Zwischenfällen wie in den 70er- und 80er-Jahren – als sich Spender mit Hepatitis C infizierten – müsse man heute nicht mehr haben. „Das war eine gänzlich andere Methode. Seit den 90er-Jahren werden nur noch geschlossene sterile Einwegmaterialien benutzt und seither gab es auch keine Zwischenfälle mehr.“

Sollten die Spenderzahlen weiter rückläufig bleiben, werden sich die Konsequenzen nach sieben bis zwölf Monaten zeigen – denn so lange braucht es von der Spende bis zum fertigen Plasmapräparat. „Das bedeutet, wenn die Bevölkerung den Spendezentren heute fernbleibt, laufen wir Gefahr, künftig einen Engpass bei Arzneimitteln aus Plasma zu haben. Daher gilt unser wirklich wichtiger Aufruf an die Bevölkerung, Plasma spenden zu gehen“, meldet sich der Generalsekretär vom Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig), Alexander Herzog, zu Wort.

Der Medikamentenmangel würde dann nicht nur – wie oft angenommen – Menschen mit seltenen Krankheiten betreffen. „Es kann jeder in die Situation kommen, dass er ein Produkt, das aus Plasma hergestellt wird, dringend benötigt. Ein Beispiel dafür ist der Gewebekleber, der bei einer OP oder nach einem Unfall gebraucht wird“, betont Monika Wiesner vom Pharmaunternehmen Takeda Österreich. Auch bei der Krebsbehandlung kann es ein wichtiger Bestandteil sein. „Viele Produkte in der Apotheke sind nur da, weil die Menschen Plasma spenden gegangen sind“, so Gessner.

Die Palette soll künftig erweitert werden. Denn im Kampf gegen die Corona-Pandemie ist Plasma wichtig. Aus diesem Grund werden genesene Covid-19-Infizierte gesucht. „Mit Hochdruck arbeiten wir an der Entwicklung eines so genannten Hyper-Immunglobulins – ein Präparat, welches die Antikörper in hochkonzentrierter Form enthält. Durch Spenden können wir uns schon an die erforderlichen Studien und behördlichen Wege machen“, so Wiesner.

Die schnellen Fortschritte in der Entwicklung für dieses Präparat sind jahrelanger Expertise zu verdanken. „Zusammen mit Deutschland, Ungarn und Tschechien gehört Österreich zu den führenden Plasma-Ländern in Europa“, erklärt Gessner und hofft, dass es auch in Zukunft so bleibt.


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