Briefe von Maria Lassnig an Hans Ulrich Obrist: „Ohne Kunst verkommt man“

20 Jahre ohne Geschwätzigkeiten, aber mit Zweifeln: Maria Lassnigs Briefe an Starkurator Hans Ulrich Obrist werden in einer neuen Publikation erstmals veröffentlicht.

Fotografie vs. Malerei: Die Konkurrenz der beiden Medien zieht sich durch Lassnigs Oeuvre.
© Lassnig Stiftung

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Mit der Kunst zusammen: da verkommt man nicht. Ohne Kunst verkommt man u. ich besonders“, schreibt Maria Lassnig im Jänner 2014 an ihren langjährigen Freund Hans Ulrich Obrist. Es sollte ihr letzter sein. Etwa fünf Monate später verstarb die Künstlerin.

Während in den Briefen der letzten Zeit eine Art Resignation durchscheint, führen schon frühere Schriftstücke an Obrist, der heute zu den international renommiertesten Kuratoren gehört und gleich mehrere Ausstellungen von Lassnig kuratierte, tief hinein in das Leben der Künstlerin. Jetzt wurde die zwanzigjährige Korrespondenz der beiden erstmals veröffentlicht. „Briefe an Hans Ulrich Obrist“ wurde vom Empfänger der Briefe sowie Peter Pakesch und Werner Poschauko für die Maria Lassnig Stiftung herausgegeben.

20 Jahre befreundet: Maria Lassnig und Hans Ulrich Obrist.
© Lassnig Stiftung

Rund 20 Jahre war die Pionierin feministischer Kunst in Österreich mit dem rund 50 Jahre jüngeren Kurator befreundet. Und dennoch, der Briefwechsel verbleibt stets höflich per Sie. „Lieber sehr lieber Hans Ulrich Obrist“ beginnt Lassnig ihre Briefe, die sich, besonders jene aus der sommerlichen Residenz in Feistritz, mit kleinen Zeichnungen dekoriert zu Kunstwerken auswachsen. Oder knappe Postkarten bleiben, so etwa auf Reisen. Immer wieder flattern Ausstellungseinladungen bei Obrist rein, zum Beispiel für eine Schau 1994 im Frankfurter Kunstverein, damals geleitet vom Innsbrucker Peter Weiermair. „Keine Erzählungen, keine Geschwätzigkeiten“ gibt es bei Lassnig, das hält sie fest. Wie in der Kunst, ist sich die Wienerin ihrer Sache sicher.

Und dennoch peinigen Lassnig Selbstzweifel: Auch wenn sie heute international zu den wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhundert gezählt wird, der Erfolg kam spät. Erst 2013 wird sie in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt. Lassnig ist folglich auch schriftlich vorsichtig: In einem Brief von 1998 beschreibt sie Künstlerkollegin Louise Bourgeoise als Person „mit Tönen wie die Trompete von Jericho, ich dagegen zirpe leise wie eine Zirkade, hoffentlich wird das wohl gehört.“

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Auch wenn man sich an einigen Stellen Antworten von Obrist dazuwünschen würde, der Kontext wird stets fein säuberlich eingeordnet. Was die Publikation besonders lesenswert macht, ist das dazugehörige Bildmaterial: Gemälde, Zeichnungen oder Fotos von Lassnig. Zu Letzteren hatte Lassnig stets ein gespaltenes Verhältnis, was die Publikation bildträchtig verdeutlicht: „Die Kamera kommt ja oft weiter als das menschliche Auge (...) aber sie kann nicht in meinen Geist hinein“, schreibt Lassnig. „Die Kamera kann nicht in meine Nervenbahn hinein aber ich kann aus ihr heraus!“

Briefwechsel Pakesch/Poschauko/Obrist (Hrsg.): Maria Lassnig. Briefe an Hans Ulrich Obrist. Verlag Buchhandlung Walther König, 296 S., 29,80 Euro.


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