Blasmusik, Volksmusik, Chöre: Warten auf die neue Gemeinschaft

Das virusbedingte Schweigen bringt der Volkskultur mit ihrem reichen Sozialleben viele Fragen und Verluste.

Weit in die Landschaft trägt der helle Flötenton der einsamen Musikantin der Musikkapelle Jochberg.
© MK Jochberg

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Das Kulturleben liegt brach, existenzgefährdend für die Profis, schmerzlich aber auch für den musikalischen Amateurbereich, in dem quer durch die Gesellschaftsschichten so viel Sozialleben verankert ist. Zum Musizieren kommen wesentliche Stunden der „Gemeinschaft“. Die Wellen setzen sich in die Familien, den Freundeskreis, die Gemeinden, in Politik und Kirche hinein fort. Unzählige Musizierende, großteils Laie­n, lassen sich in der Corona-­Krise das Live-Erlebnis aber nicht nehmen und nutzen weiterhin Balkone und die Natur. Ungehindert von allen dem Corona-Virus geschuldeten Einschränkungen können die Familienmusiken ihrer Liebe frönen.

Blasmusik, Volksmusik, Chöre: Ganz so einfach ist die Situation innerhalb der Volkskultur nicht, auch wenn die meisten Menschen in diesem Freizeitverhalten nicht existenziell bedroht sind. Doch ihr­e persönliche Situation wirkt sich darauf aus, die aktive Szene leidet unter der Kontaktlosigkeit und das Publikum unter der Ereignislosigkeit. Bis vergangenen Freitag wussten die Funktionäre nicht, wie sie handeln sollten, weil aufwändig zu organisierende und finanzierende Fest­e und Festivals mit oftmals internationalen Gästen wie die Innsbrucker Promenadenkonzerte, die Bezirksmusikfeste, viele Auftritte, Reisen und Fortbildungen anstanden. Wie berichtet, ist nun alles bis Ende August gestrichen.

Wie weit reicht der Optimismus? Der Blasmusikverband Tirol besteht aus 300 Musikkapellen, der Tiroler Sängerbund listet 510 Chöre auf, der Volksmusikverein 1600 Mitglieder. Die Arbeitsgemeinschaft Volkstanz Tirol, die in ihrer Erforschung traditioneller bzw. historischer Tänze ja eng an die Musik gebunden ist, besteht im Kern aus acht Vereinen.

Auch die Verantwortlichen der Volkskultur – zu unterscheiden von der kommerziellen volkstümlichen Szene – brauchen Planungssicherheit und haben Budgets zu verwalten.

Eindrucksvoll die Zahlen der Blasmusik: 2019 hatten die Tiroler Musikkapellen Ausgaben in Höhe von 9,7 Mio. Euro, stattliche 6,4 Mio. haben sie davon selbst erwirtschaftet. Nun kommen neue wirtschaftlich-rechtliche Fragen auf sie zu, finanzielle Verluste und Einbußen, wenn etwa Verträge einzuhalten und Saalmieten zu begleichen sind und vor allem die 1.-Mai-Sammlung ausfällt.

Die Verbände halten Kontakt, so gut es geht, melden sich mit Information und Angeboten online, sind in Social Media präsent, bereiten die nächsten Nummern ihrer Zeitschriften „G’sungen & G’spielt“, „Blasmusik in Tirol“ und „Chor Tirol“ vor, sie haben sich zusammengeschlossen, um professionell „vereinsfit“ zu sein.

Tausende Menschen warten, wie es weitergeht. Was wird sich durch und nach Corona für einzelne Mitglieder und Familien ändern, wo werden sie Prioritäten setzen und was ist ihnen künftig zumutbar? Was werden die Veränderungen für die Vereine bedeuten? Sind die kleinsten gefährdet? Was wird möglich sein? Die Spitzenensembles reichen an die Profiszene heran, die Basis der Spielenden und Singenden aber ist an lange Probenzeiten gebunden. Aus diesem Grund hat der Blasmusikverband auch das für Oktober 2020 angesetzte Landeswertungsspiel abgesagt.


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