„Corona könnte die Mafia noch stärker machen": Mafia-Kenner im TT-Interview

Die Ausgangsbeschränkungen beeinträchtigen auch das Geschäft der Mafia. Im Gespräch mit der TT warnen zwei Mafia-Kenner aus Italien vor der Gefahr, dass die kriminellen Clans durch die Krise in Europa noch mächtiger werden könnten.

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Der Drogenhandel ist wie Prostitution und Müllentsorgung ein Geschäftsmodell der Mafia.
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Von Manuel Lutz

Die „Omertà“, das Gesetz des Schweigens, besagt: „Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.“ Der Ehrenkodex der Mafia kann in der momentanen Situation so einfach wie nie zuvor erfüllt werden. Denn es scheint, dass aktuell nicht viele illegale Aktivitäten ausgeübt werden – die Corona-Krise setzt offenbar auch den kriminellen Organisationen in Italien zu.

Durch den Shutdown sind die vermeintlich wichtigsten Geschäftsfelder der Clans zusammengebrochen: der Drogenhandel sowie die Prostitution. „Durch die Beschränkungen können die Leute nicht mehr feiern gehen, somit hat sich der Konsum von Kokain vermindert. Nach der Krise steigt das Bedürfnis nach Kokain jedoch wieder an und damit die Preise. Verluste werden kompensiert“, erklärt der italienische Schriftsteller und Anwalt Gioacchino Criaco.

Das italienische Innenministerium meldete für die ersten drei Wochen im März einen Rückgang von Straftaten um 64 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Laut einem Bericht der Zeitung la Repubblica sind die Sexarbeiterinnen auf den Suppentisch der Caritas angewiesen, manche sind bereits obdachlos.

Der Einstieg in die Wirtschaft

Dafür florieren aber nun andere Geschäftszweige, wie Criaco berichtet: „Bis Ende der 90er-Jahre war die Mafia in diesen Gewerben sehr stark und mächtig, da sie im legalen System als dringend benötigte Kontrollinstanz gegen mögliche Aufstände integriert war. Durch neue Gesetze haben sich die Dinge jedoch fundamental verändert, die ,politischen Schutzhüllen‘ sind zerbrochen. Die mafiösen Organisationen haben begonnen, sich zu verändern. So erfolgte der Einstieg in die legale Wirtschaft. Sie wurden außerhalb ihrer eigentlichen Territorien plötzlich zu modernen Dienstleistern.“

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Gioacchino Criaco gelang mit dem Roman „Schwarze Seelen“ ein Bestseller.
© Criaco

So ist die Mafia u. a. in der Landwirtschaft, im Lkw-Transport, in der Müllentsorgung, bei Bestattungsunternehmen oder in der Logistik für Öl und Lebensmittel tätig. „Die Mafia ist dort, wo das Geld ist. Ihr Verhalten ist parasitisch, denn sie arbeiten nicht, sondern stehlen das Geld“, betont Giancarlo De Cataldo, Richter am Berufungsgericht in Rom und ebenfalls Buchautor.

Wenig verwunderlich also, dass Medienberichten zufolge Kriminelle nun bereits mit (gestohlenen) Mundschutzmasken, Desinfektionsmittel und anderen knapp gewordenen Schutzartikeln handeln. Im römischen Küstenvorort Ostia wurde ein Mitglied der Kriminellen-Familie Fasciani mit Ware vom Schwarzmarkt er­wischt. „Nicht nur die Mafia hat sich dies zunutze gemacht. Auch viele Firmen handeln damit. Vor der Pandemie hat eine Maske noch 50 Cent gekostet, nun sind die Preise extrem gestiegen“, ist Criaco klar.

Eine andere Tatsache beunruhigt­ die Experten jedoch viel mehr: dass die sizilianische Cosa Nostra, die neapolitanische Camorra, die kalabrische ’Ndrangheta und die apulische Sacra Corona Unita noch stärker aus der Krise hervorgehen könnten.

Giancarlo De Cataldos schrieb u. a. „Suburra“.
© Maurizio Ricarda

Schwarzgeld als Krisenhilfe

„Vor allem am Ende der Pandemie wird es sehr gefährlich werden. Die Clans verfügen über sehr viel Geld. Diese Liquidität werden sie nutzen, um vom Notstand zu profitieren“, ist Cataldo alarmiert.

Criaco rechnet gar mit einem mehr als 100-prozentigen Wachstum des Umsatzes der Mafia. „Das Geld wird verliehen, in der Folge werden die Zinsen für das Darlehn sofort in die Höhe gehen.“ Wer nicht zurückzahlen kann, verliert sein Unternehmen an den Geldgeber. Die Rede ist dabei von so genannten Mafia-Kredit-Haien.

Im besonders vom Tourismus abhängigen Süden wird die Mafia zudem Sympathien sammeln. „In Kalabrien etwa ist die Arbeitslosigkeit junger Menschen sehr hoch. Über 60 Prozent haben keinen Job. Durch die Krise geht der wichtigste Sektor, der Tourismus, auf null. Gibt es keine Hilfen, kommt die Mafia und wird zum Retter“, weiß der in Kalabrien geborene Criaco.

Die Mafia-Hochburg in Neapel, die „Die Segel von Scampia“ heißt.
© imago

Familien, die in Schwierigkeiten gekommen sind, werden unterstützt, um sich so ihre Diens­te zu sichern. Die Clans würden schon heute Lebensmittel zur Verfügung stellen.

„Wenn die EU nicht einschreitet, um den Ländern zu helfen, werden dies eben andere machen. Es ist eine Gefahr, die die ganze westliche Wirtschaft betrifft. Ein Geschäft mit der Mafia ist wie ein Pakt mit dem Teufel. Dieses dreckige Geld, von dem man nicht weiß, woher es kommt, sollte man nicht annehmen“, sagt Cataldo.

Allerdings kursiert die Angst, dass die erhofften Finanzspritzen in falsche Hände gelangen könnten. Ein Kommentar der deutschen Tageszeitung Die Welt sorgte für Zorn in Italien. „Sicher sollten sich die Länder der Europäischen Union in der Corona-Krise untereinander helfen. Aber ohne Limit? In Italien wartet die Mafia nur auf einen neuen Geldregen aus Brüssel“, so das Blatt. Italienische Regierungsmitglieder reagierten empört auf den Kommentar. Denn bereits in der Vergangenheit habe die italienische Polizei erfolgreich Eingriffe der Mafia in öffentliche Bauvorhaben gestoppt, wie z. B. nach Erdbeben oder beim Wiederaufbau der 2018 eingestürzten Autobahnbrücke in Genua.

Auch die Müllentsorgung ist ein Geschäftsmodell der Mafia.
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„Italien hat sehr viel Erfahrung gesammelt im Kampf gegen die Mafia und ist den anderen Ländern weit voraus. Daher ist es für die Clans nicht mehr so einfach, hier zu arbeiten. Die Kriminellen expandieren daher in ganz Europa, z. B. nach Deutschland oder Slowenien. Manche Länder leugnen dies aber“, sind sich die Experten einig.

Denn die Mafia ist nicht mehr nur ein Problem Italiens. Für Cataldo ist daher klar: „Die Europäische Union muss sich entscheiden, ob sie eine solidarische Einrichtung ist, um einander zu helfen, oder ob jeder auf sich alleine gestellt ist. Wenn ich ein Mafioso wäre, würde ich in der aktuellen Situation versuchen, die Europäische Union zu zerstören. Das wäre der Idealfall, wenn jeder auf sich alleine gestellt ist. Denn so kommt die Hilfe von mir.“

Aber auch die Mafia macht Fehler: Die Ausgangsbeschränkungen halfen in Kalabrien bei der Festnahme des flüchtigen Cesare Antonio Cordi. Die Polizei entdeckte in Bruzzano Zeffirio das Versteck des Mafioso, als ein Mann zu einem leerstehenden Haus Essen brachte.


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