„Für immer die Alpen“ von Benjamin Quaderer: Hoch stapeln, tief fallen

In Benjamin Quaderers Debütroman „Für immer die Alpen“ schmückt sich ein Schelm mit falschen Federn – und legt eine hochherrschaftliche Steueroase trocken.

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Benjamin Quaderer, geboren 1989 in Feldkirch, wuchs in Liechtenstein auf. Die Tirol-Präsentation seines Romans „Für immer die Alpen“ soll beim Innsbrucker Prosafestival (17. bis 19. September) stattfinden.
© Jens Oellermann

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Literatur, könnte man sagen, ist immer auch eine – zumeist weder straf- noch zivilrechtlich relevante – Variante des Datendiebstahls. Beobachtungen und Begebenheiten, Erfahrungen, Eindrücke oder Konstellationen werden der so genannten Wirklichkeit (oder anderen Texten) entlehnt – und weitergeformt. Erzählen ist letztlich immer ein Akt der Aneignung. Gute Literatur weiß um diesen Umstand. Sie denkt ihn mit, stellt ihn aus, spielt damit. Deshalb handelt gute Literatur, wenn auch auf bisweilen verschlungenen Pfaden, immer auch vom Erzählen selbst. Das wiederum wissen inzwischen auch geübte Erzählerinnen und Erzähler, weshalb das selbstbewusste Ausstellen gutgemachter Texte schon mal zum kunstgewerblichen Mätzchen wird.

Auch in Benjamin Quaderers Debütroman „Für immer die Alpen“ gibt es solche inzwischen gängigen Metaspielereien: geschwärzte Passagen zum Beispiel oder Fußnoten, die zunächst narrative Redlichkeit vorgaukeln, dann absichtsvoll aufs Glatteis führen – und letztlich irrwitzige Parallelerzählungen öffnen. Trotzdem und auch dem stattlichen Romanumfang von gut 600 Druckseiten zum Trotz, hat man nie den Eindruck, dass hier erzähltheoretisch geschulter Kraftmeierei beim Muskelnmachen zuschaut. Auch das müsste, ja sollte misstrauisch machen. Aber selbst dafür liest sich der virtuos konstruierte Roman einfach zu gut.

Doch der Reihe nach: „Für immer die Alpen“ basiert, wie es so schön heißt, auf einer wahren Geschichte. Bis Ende der 2000er-Jahre war das selbst für Nachbarn einigermaßen exotisch anmutende Fürstentum Liechtenstein eine so genannte Steueroase. Dann spielte ein Insider dem deutschen Bundesnachrichtendienst die Kundendaten einer auf absichtsvolle Abgabenvermeidung spezialisierten Bank zu. Der Skandal reichte bis in hochherrschaftliche Kreise, die Oase wurde trockengelegt. Im echten Leben hieß der Whistleblower Heinrich Kieber. Bei Quaderer heißt er Johann Kaiser – und verfolgt mit seiner Attacke auf das Liechtensteiner Geschäftsmodell eine ganz eigensinnige Agenda: Er will sich an jenen rächen, die ihm einst wahrhaft übel mitgespielt haben.

So jedenfalls lässt Quaderer diesen Kaiser seine Geschichte erzählen. Der Roman ist die Rechtfertigungsschrift eines Hochstaplers, der tief fiel – und inzwischen an unbekanntem Ort im Zeugenschutzprogramm viel Zeit hat, sich seine Geschichte von denen, die ihn als Verräter zum Staatsfeind erklärt haben, zurückzuholen.

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Davor allerdings gilt es nachzuzeichnen, wie ein Quasi-Waisenkind – die spanische Mutter flüchtete vor der älplerischen Enge, der Vater entledigte sich der Erziehungsaufgabe wenig später – zum erfolgreichen Trickster und schließlich zum gesuchten und im Ausland gefragten Datendealer wurde. Kurzum: Bevor sich „Für immer die Alpen“ auf den letzten 200 Seiten zum Wirtschaftskrimi mausert, liest man einen bisweilen übermütigen Schelmenroman, der von Liechtenstein mehr als einmal um die weite Welt, mit dem Camper nach Australien und hinunter in Argentiniens dunkle Folterkeller führt. Die Volten, die der Plot schlägt, sind verwegen – manche hat er sich aus einem „Tatsachenbericht“ des echten Datendiebs Heinrich Kieber geliehen, andere erinnern nicht von ungefähr an die großen Schelme der jüngeren Literaturgeschichte, von Felix Krull bis zu Oskar Matzerath und seiner Blechtrommel.

Dahinter allerdings thronen die Alpen – und darunter ein Fürstentum, das literarisch bislang kaum vermessen wurde. Hier entpuppt sich „Für immer die Alpen“ als mit allen Wassern gewaschene Studie einer nur auf den ersten Blick eigentümlichen Gesellschaft: „Diejenigen“, heißt es da an einer Stelle, „die vor ein oder zwei Generationen noch Bauern gewesen waren, hatten jetzt Geld und kauften sich von einer Vergangenheit frei, für die sie sich schämten.“ Das kommt einem auch als Nicht-Liechtensteiner seltsam und sattsam bekannt vor.

Roman

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen.

Luchterhand, 592 Seiten, 22,70 Euro.


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