24-Stunden-Betreuung: „Die meisten halten lange durch“

Viele 24-Stunden-Betreuerinnen sind schon seit Wochen im Einsatz. Betroffen sind nicht nur Rumäninnen.

Der regelmäßige Wechsel der 24-Stunden-Betreuerinnen ist wegen der Corona-Krise ins Stocken geraten.
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Von Wolfgang Sablatnig

Innsbruck – „Sie sind zwei Engel“, sagt der ältere Herr aus Innsbruck über die zwei Slowakinnen, die seit 2013 zu seinem Leben gehören. Zuerst betreuten sie seine Frau. Seit deren Tod ist er geblieben – als nicht ganz so schwerer Fall, wie er meint, aber gehbehindert und auf Betreuung rund um die Uhr angewiesen. Üblicherweise wechseln sich die Mittdreißigerinnen alle zwei Wochen ab und fahren in ihre Heimat. Derzeit stockt der Wechsel: Eine Betreuerin ist seit neun Wochen im Dauereinsatz. Die andere ist inzwischen ohne Einkommen.

Ein Problem sind auch büro­kratische Hürden: Die derzeit beschäftigungslose Frau hat nur ein slowakisches Konto, aber kein österreichisches. Damit kann sie aber nicht um Unterstützung aus dem Härtefallfonds ansuchen. Der Pensionist versteht das nicht: Die österreichische Familienbeihilfe für das schulpflichtige Kind der Frau geht sehr wohl auf dieses Konto.

Ähnlich ist die Geschichte, die ein Leser aus Osttirol erzählt. In seinem Fall sind es zwei Kroatinnen, die seine Mutter versorgen. Anfangs haben seine Frau und er sich um die Mutter gekümmert. Schon bald seien sie damit aber an ihre Grenzen gestoßen. Dann habe es gebraucht, bis sein­e Mutter die Betreuerinnen akzeptiert. Die zwei Frauen wechseln üblicherweise im Rhythmus von drei Wochen. Jetzt ist die eine aber schon seit Anfang März hier: „Zum Glück ist nicht nur sie loyal zu uns, sondern auch ihre Familie lässt das zu.“

Ob Innsbruck oder Osttirol: In beiden Fällen warten die Frauen auf eine Möglichkeit der Ablöse. In Tirol werden rund 1800 Personen von 24-Stunden-Betreuerinnen versorgt. Der Bedarf liegt damit wegen des Wechsels bei 3600 Betreuerinnen. Knapp 2600 sind bei der Wirtschaftskammer Tirol erfasst. Die anderen haben ihren Gewerbestandort entweder in einem anderen Bundesland oder arbeiten direkt bei den Familien.

Die Hälfte der in Tirol registrierten „selbstständigen Personenbetreuer“ (exakt 1277) kommt aus Rumänien – sie stellen wie in ganz Österreich den größten Anteil. Es folgen als Herkunftsländer die Slowakei (525), Bulgarien (377) und Kroatien (190).

Für Rumäninnen ist auch die Zugverbindung bestimmt, an der Wirtschaftskammer, ÖBB und Bundesregierung arbeiten. „Wenn man sich endlich politisch einigt, können wir fahren“, sagt Robert Pozdena, Obmann der zuständigen Fachgruppe in der Wirtschaftskammer Niederösterreich und maßgeblich in die Planungen eingebunden. Ausständig ist die endgültige Vereinbarung zwischen den österreichischen und den rumänischen Behörden.

Ziel ist, einen Korridorzug zwischen Rumänien und Österreich in der Folge regelmäßig verkehren zu lassen. Gleich bei der Einreise nach Niederösterreich soll ein Corona-Test durchgeführt werden, um ein Einschleppen des Virus zu verhindern.

Das Land Tirol stand dieser Lösung ursprünglich skeptisch gegenüber und wollte selbst testen. Nunmehr heißt es im Büro von Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP), dass eine Anbindung möglich wär­e – unter der Voraussetzung, dass eine verbindliche Schnittstelle zu den Behörden in Niederösterreich ebenso sicher­gestellt sei wie die Weiterreise nach Tirol.

Auf den Zug wartet auch Martin Hechenbichler. Seine Agentur mit Sitz in Kufstein vermittelt Pflegekräfte an 180 Familien, mehr als 90 Prozent der Betreuerinnen stammen aus Rumänien, viele sind seit zwei Monaten oder mehr im Einsatz. Hechenbichler: „Die meisten Frauen halten lang­e durch. Nach so langer Zeit kann aber die eine oder ander­e ausfallen.“


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