Günther Villgrattner: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“

Paris, Wien, Ibiza – Günther Villgrattners Gemälde waren bereits in internationalen Galerien zu sehen. Dabei verdient der Innsbrucker sein Geld als Zahntechniker.

Rund drei Tage vergehen, bis Günther Villgrattner eines seiner Bild fertig gestaltet hat.
© Villgrattner

Von Judith Sam

Innsbruck – Günther Villgrattners Arbeitstage spielen sich in einem eher monotonen Umfeld ab. Doch je älter der Tag, desto wichtiger werden Farben. Packt ihn abends die Inspiration, schüttet Villgrattner – Beruf Zahntechniker, Berufung Künstler – Acrylfarben auf Leinwände.

Schicht um Schicht entstehen so regelrechte Farbexplosionen, die der Innsbrucker mit zarten Linien verfeinert. „Die Bilder sollen die Fantasie des Betrachters anregen, frei zu laufen“, sagt Villgrattner, 52, wallendes Haar, brauner Dreitage-Bart.

Dieses Ziel erfüllen sie. Kein Betrachter dürfte ahnen, dass die abstrakten Formen, die von schwarzen Strichen zersetzt und von Orange umrahmt werden, eine Menschenmenge darstellen: „Kunst wird interessant, wenn wir sie nicht restlos erklären können. Die Farben, die ich verwende, wähle ich intuitiv. Vielleicht lenkt mein Unterbewusstsein die Wahl, wenn ich Situationen wiedergebe, die ich erlebt habe.“

Die Inspirationen dazu sammelt er auf Reisen.
© Villgratner

An Impressionen aus aller Welt dürfte es nicht mangeln. Hat Villgrattner doch viele Länder bereist und war 2017 für ein Jahr auf Weltreise: „In Äthiopien habe ich einen Einheimischen kennen gelernt, der mich besonders inspiriert hat.“ Der Afrikaner namens Habebe war gerade dabei, ein Haus zu errichten: „Jeder seiner Arbeiter schleppte einen Stein, aus denen die Wände entstehen sollten. Die Schubkarre bestand aus Wellblech und Ästen. Das Errichten des gesamten Gebäudes hat nur 6000 Euro gekostet.“

Aus europäischer Sicht ein lächerlicher Preis und doch hat der Äthiopier, der vom Tourismus lebt, nun wegen Corona kaum eine Chance, die Summe aufzubringen. Denn auch in Afrika bleiben Touristen aus: „Zudem gibt es in Äthiopien weder Sozialleistungen noch Wirtschafts-Rettungsschirme.“

Um Habebe zu helfen, beschloss Villgrattner seine Kunst künftig auszustellen: „Und möglicherweise zu verkaufen, um dem Mann finanziell ein wenig zu helfen.“

Kaum zuhause in Tirol angekommen, begann die Suche nach einem Galeristen: „Ich habe einige angeschrieben und ihnen Bilder gemailt.“ Der Zufall führte Regie, als der Maler so mit der Wiener Galeristin Adriana Peterova ins Gespräch kam. „Seitdem geht’s rund. Ich kann’s nicht anders sagen“, schwärmt Villgrattner. Er übertreibt nicht.

Seit dem Kennenlernen wurden seine Werke bereits in Wien, Paris und auf Ibiza ausgestellt: „Ich war nie zuvor in Paris – und dann gleich mit vier meiner Bilder, die beim ,Art Shopping Paris Carrousel du Louvre‘, einer speziellen Ausstellung, gezeigt wurden.“ Auf Ibiza wurden 31 von Villgrattners Bildern ausgestellt: „Die Galerie hat Preise dafür erstellt, die mehrere tausend Euro betragen.“

Ein guter Stundensatz. Dauert es doch nur knapp drei Tage, bis der Künstler eines seiner Werke fertiggestellt hat: „Während des Malens kann ich nicht genau sagen, was dabei herauskommt. Ich arbeite so lange daran, bis es mir gefällt.“

Mit dem Geld, das Villgrattner mit den Werken und einer eigens ins Leben gerufenen Spendenaktion sammeln will, wird Hababe in Äthiopien eine traditionelle Küche bauen. Anfangs dient die der Versorgung der Nachbarschaft. Später wird der Afrikaner darin Kochkurse geben.

Abgesehen von diesem karitativen Hintergrund hat Villgrattner mit seiner Kunst keine finanziellen Ziele: „Ich lasse mich überraschen, was noch passiert. Ich male aus Leidenschaft, denn Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“


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