New Orleans hat in der Corona-Pandemie seine Leichtigkeit verloren

Die Partnerstadt der Uni Innsbruck und Tirol verbindet in der Corona-Pandemie so einiges. Aber derzeit führt kein Weg zueinander.

New Orleans – die sonst so lebendige Stadt ist wie ausgestorben.
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Von Gabriele Starck

Innsbruck, New Orleans – „The Big Easy“, wie die sonst so pulsierende und das ganze Jahr feiernde Stadt im US-Bundesstaat Louisiana genannt wird, hat seine Leichtigkeit verloren. Dabei ist die Pandemie nicht die erste Katastrophe im 21. Jahrhundert, die New Orleans trifft. Als im Sommer 2005 der Hurrikan „Katrina“ die Stadt unter Wasser setzte, kamen 1800 Menschen ums Leben. Jetzt sind es bereits 2227 (Stand Samstagvormittag), die in Loui­siana – und vor allem in New Orleans – bei nicht einmal fünf Millionen Einwohnern an Covid-19 starben. 30.855 haben sich nachgewiesenermaßen infiziert.

Die Stadt sei einer der Corona-Hotspots in den USA, sagt der Historiker Günter Bischof, der mit seiner Familie in New Orleans lebt und lehrt. Bischof ist derzeit Gastprofessor an der Universität Innsbruck, an der er einst studierte und zu der er als Dozent und Leiter der International Summer School immer wieder einmal für einen Sommer zurückkehrte. Doch dieses Mal ist alles anders.

Bischof kam ausgerechnet an jenem Tag Mitte März in Tirol an, an dem wenige Stunden später die Quarantäne über das Bundesland verhängt wurde. Aus der Vorfreude, Freunde und alte Bekannte zu treffen, wurde Enttäuschung. Als Bischof seine Reise antrat, waren in New Orleans bereits die ersten Menschen mit Symptomen in die Spitäler gekommen, wurden aber wieder heimgeschickt. Damals habe man das Virus noch nicht wirklich registriert gehabt, erzählt Bischof.

Die Musik hat sich in die Hinterhöfe zurückgezogen.
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Und so hatte auch niemand im Traum daran gedacht, sich den Fasching – den berühmten „Mardi Gras“ (franz. für „Fetter Dienstag“) – vom 21. bis 25. Februar vermiesen zu lassen. Die ausgelassenen Feiern, die jedes Jahr bis zu einer Million Menschen anziehen, wurden zur Virenschleuder fürs ganze Land – ähnlich wie die Skibars in Ischgl und anderen Wintersportzentren für Europa.

Das „Big-Easy“-Fieber ließ ihn nicht mehr los

Innsbruck – Günter Bischof, ein gebürtiger Vorarlberger aus dem Bregenzerwald, hat in Innsbruck Geschichte studiert, als ihn 1979 ein Stipendium nach New Orleans führte. Die Stadt ließ ihn nie mehr ganz los. Nach seinem Magisterabschluss in Innsbruck machte er seinen PhD in Harvard und kehrte dann nach New Orleans zurück. Dort ist er Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der „Österreichischen Marshallplan Jubiläumsstiftung“ und Direktor des dortigen Österreich-Zentrums. Die Summer School führte ihn immer wieder nach Innsbruck, dreimal auch als Leiter. Derzeit ist er an der Uni Innsbruck Gastprofessor für amerikanische Geschichte.

„Vorwürfe an die Bürgermeisterin LaToya Cantrell, nicht rasch genug reagiert zu haben, wies diese mit Hinweis auf ,fehlende Direktiven‘ aus Washington zurück. Aber auch das nationale „Center for Disease Control“ in Atlanta wollte den Mardi Gras nicht stoppen“, erinnert sich Bischof. Und US-Präsident Donald Trump habe das „chinesische Virus“, wie er es anfangs nannte, noch heruntergespielt, als in Louisiana und New York schon Ausgangsbeschränkungen galten.

Was Bischof umso mehr ärgert, seit er gehört hat, dass Trump schon Ende Jänner vor dem Virus und seinem Gefahrenpotenzial gewarnt worden sei. Er hofft, dass die Fahrlässigkeit der Politik Untersuchungen nach sich zieht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Coronavirus bestimmt den Alltag.
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So schnell wird „The Big Easy“ (die große Leichtigkeit) jedenfalls nicht nach New Orleans zurückkehren. Das berühmte New Orleans Jazz Festival sollte ursprünglich Ende April starten und war dann auf Herbst verlegt worden. Doch wahrscheinlich dürfte es für heuer ganz abgesagt werden. Bürgermeisterin Cantrell jedenfalls riet von jeglicher Großveranstaltung im heurigen Jahr ab. Ob der Innsbrucker Ableger, der für 16. bis 19. Juli geplant wäre, stattfinden kann, ist ebenso ungewiss. Die gemeinsame 45. International Summer School der Universitäten in Innsbruck und New Orleans ist jedenfalls schon abgesagt.

Corona-Pause für die Sommer-Schule

Innsbruck – Die International Summer School der beiden Universitäten von New Orleans und Innsbruck besteht seit 45 Jahren. Sechs Wochen lang von Anfang Juli bis Mitte August kommen normalerweise rund 270 Studierende und etliche ProfessorInnen von verschiedenen US-Universitäten nach Innsbruck, um hier Kurse zu belegen bzw. abzuhalten sowie Land und Leute kennen zu lernen. An die 10.000 Studierende haben das Angebot bereits angenommen. Heuer allerdings muss das Programm wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt werden.

Die Sommerschule ist mit ein Grund für die enge Partnerschaft der beiden Universitäten, die es seit 1976 gibt. Dabei werden Studierende und Lehrende in beide Richtungen ausgetauscht.

Günter Bischof wird dann aber längst wieder zu Hause sein – sollte der zweite Anlauf Ende Mai klappen. Denn versucht hätte er es schon Ende März. Seine Söhne, zwei arbeiten in New York, einer lebt in Hongkong und arbeitete gerade in Kuala Lumpur, hätten es noch rechtzeitig nach New Orleans geschafft. Seine Heimreise sei an der Schweizer Grenze gescheitert. „Ich hatte ein Flug-Ticket von Zürich in die USA, aber sie ließen mich nicht in die Schweiz einreisen“, erzählt er. Mit dem Koffer zu Fuß über die grüne Grenze zu schleichen und vom nächsten Grenzort mit dem Zug weiter nach Zürich zu gelangen, war ihm dann doch zu viel. So kehrte er nach Innsbruck zurück und unterrichtet seither per Videokonferenz – etwas, was er von New Or­leans aus genausogut hätte machen können.

Auch wenn er in dieser Zeit gern seine Familie um sich gehabt hätte – Bischof weiß auch, dass er in Tirol gut aufgehoben gewesen wäre, hätte er sich selbst infiziert. Die Leute werden hier schon besser versorgt, vor allem sind sie sozial abgesichert, sagt er. In New Orleans hätte es vor allem die afroamerikanische Bevölkerung schlimm erwischt, berichtet er. Sie hätten auch besonders viele Todesopfer zu beklagen. Viele hätten keine Versicherung, dazu kämen gesundheitliche Probleme, die auf Übergewicht zurückzuführen seien. All das erhöhe das Sterberisiko.


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