Textilproduktion im Obergricht: Als die industrielle Revolution nach Ried kam

Aus verwaister Lodenfabrik soll Museum entstehen. Enkel des Pioniers, Michael Schöpf, restauriert seit sechs Jahren einzigartigen Maschinenpark.

Gabriel (l.) und Michael Schöpf freuen sich über den Reißwolf, der zur Aufbereitung von Schafwolle konstruiert wurde. Das mehr als 100 Jahre alte Museumsstück kam kürzlich von Telfs zurück nach Ried.F
© Wenzel

Von Helmut Wenzel

Ried im Oberinntal – Sie ist fast vergessen, die Textilproduktion im Obergricht. Es war Anton Schöpf, der mit der Rieder Lodenfabrik eine wichtige regionale Erwerbsquelle schuf. Zunächst hatte er die Wasserkraft des Beitel­bachs auf geniale Art und Weise genutzt. Ab dem frühen 20. Jahrhundert konnte er damit bis zu 20 Maschinen in der Fabrik antreiben. Die Webstühle, Spinnmaschinen und der Reißwolf wurden nicht mit elektrischem Strom, sondern mit mechanischer „Transmissionsenergie“ in Bewegung gesetzt.

Bauern aus der Region brachten Schafwolle in das Werk. Schöpf verarbeitete sie im Familienbetrieb mit bis zu 25 Mitarbeitern zu hochwertiger Strickwolle, Loden, Teppichen und Decken. „In den Kriegsjahren ist im Schichtbetrieb gearbeitet worden“, weiß Michael Schöpf, Enkel des Pioniers. „Nicht immer ist mit Geld bezahlt worden. Man hat damals oft Tauschgeschäfte gemacht.“

Der Betrieb überdauerte wechselnde wirtschaftliche und auch technische Entwicklungen. Von 1998 bis 2015 liefen die Maschinen bei den Schöpfs allerdings nur noch auf Sparflamme.

Dem gelernten Weber Michael Schöpf (56) ist es zu verdanken, dass der alte mechanische Maschinenpark zum Großteil heute noch funktionstüchtig ist. Zwar pendelt er täglich zu seinem Arbeitsplatz im Engadin, doch in seiner Freizeit restauriert er seit sechs Jahren unermüdlich die „erstaunlichen Geräte“ aus der Gründerzeit. Erst kürzlich hat er damit einen prächtigen und hochwertigen Schafwollteppich produziert.

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„Ich möchte, dass auch nachkommende Generationen wissen, was die Vorfahren damals geleistet haben“, sagt Schöpf. Gemeinsam mit seinem Sohn Gabriel verfolgt er inzwischen die Idee, in der Lodenfabrik ein kleines Museum einzurichten. „Es waren schon einige Besucher da. Sie haben gestaunt, als sie gesehen haben, wie die Maschine­n funktionieren.“

Etwa 80 Prozent der alten Geräte hat der Selfmade-Techniker bereits instand gesetzt und poliert. Sein nächster Einsatz gilt dem Reißwolf, der ein Unikat aus der Pionier­zeit sein dürfte. „Ich habe kein Typenschild gefunden. Es könnte eine Konstruktion von Anton Schöpf sein“, schildert der vielseitige Handwerker. „Sie läuft ebenfalls mit einem Transmissionsantrieb aus dem Kraftwerk.“

Der „Wolf“, eine Trommel mit Hunderten Metallstacheln, die zur Aufbereitung der Schafwolle dienen, übersiedelte 1970 in die Telfer Lodenfabrik Pischl. Vor wenigen Tagen kam er zurück an seinen Ursprungsort. Die nötigen Kontakte konnte Gabriel Schöpf knüpfen. „Die Geschäftsführung mit Elmar Huber sowie Rupert und Rainer Pischl hat uns bereits besucht und unterstützt damit unser Museumsprojekt“, freuen sich Gabriel und Michael. Bis zu zehn Mal habe man rohe Schafwolle durch den Reißwolf treiben müssen, bis sie geschmeidig und fasrig wird, wissen die Schöpfs.

Die Museumsinitiative sei „sehr erfreulich“, hob der Rieder Bürgermeister Elmar Handle hervor. Die Gemeind­e werde das Projekt im Rahmen ihrer Möglichkeiten gerne unter­stützen.


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