Der Nino aus Wien: Herzschmerz im Hawelka

Mit „Ocker Mond“ versucht sich Der Nino aus Wien an der Wiederverzauberung schummriger Zustände.

Mit dem „Taxi Driver“ durch die Welt als Suppentopf: Nino Mandl (alias Nino aus Wien) legt mit „Ocker Mond“ ein neues Album vor.
© Michael Liebert

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Ungefragt fängt der „Taxi Driver“ an zu reden. Ob’s der „Burli“, der gerade eingestiegen ist, nun will oder nicht. Der Taxler erzählt von der See, in die er einst gestochen ist, von der Welt, die als Suppentopf vor sich hin brodelt, und davon, dass selbst eine Stichverletzung eh jedem wurst sei. Hauptsache das Gesicht bleibt halbwegs heil. Irgendwann verliert er den Faden, aber auch das ist wurst, weil er den Weg zum Ziel gefunden hat. Der „Bua“ sei ein guter, gibt er dem Fahrgast mit auf den Weg. Er solle auf sich aufpassen. Ob der wirklich zugehört hat, darf bezweifelt werden. Verstanden hat er trotzdem. Oder eben nicht. Weil’s darum nicht geht. Das jedenfalls legt – zwei Lieder nach dem „Taxi Driver“ – „Unter Fischen“ nahe. Gut sei es zu schwimmen, heißt es da, „zu fliegen und zu singen und hin und wieder einfach losgehen – und gar nix verstehen“.

Dass man auch dem schwer und dem gar nicht Verständlichen mit Verständnis begegnen sollte, weil permanente Durchrationalisierung menschlichen Treibens letztlich alle Poesie austreibt, darauf beharrt Der Nino aus Wien seit mehr als einem Jahrzehnt.

Mit jedem Lied, das er veröffentlicht, und jedem seiner – zahllosen – Auftritte (allein 2019 waren es mehr als hundert) wird diese These belastbarer. Auch sein neues Album „Ocker Mond“ – auf dem er die nächtliche Taxifahrt besingt und unter Fischen tanzt – ist eine Lektion in Sachen versuchter Wiederverzauberung schummriger Zustände. In einer langen Nacht im Februar hat Nino die insgesamt zwölf Songs eingespielt. Ohne Band und großes Arrangements-Trara. Für einen Song hat Ernst Molden vorbeigeschaut – und den Titeltrack „Ocker Mond“ treibt ruppiges Schlagwerk vor sich her. Den Rest besorgen – ganz unplugged – Gitarre und eine Stimme, die bisweilen Gefahr läuft, sich ebenso selbstbewusst wie beseelt zu überschlagen.

Das Setting also ist ungekünstelt. Umso kunstvoller sind dafür die Ab- und Umwege, von denen die Lieder handeln. Manche liebevolle Hommage lässt sich heraushören . Oder eben hineininterpretieren. In „Hawelka“ etwa grüßen zwischen Opernsänger und Touristin aus Fernost auch Georg Danzer und sein „Nackerter“. Nostalgie freilich verbietet sich: Der schreibende Sänger zerkaut zu später Stunde mit Blick aufs Toilettentürl gerichtet sein Nikotinentwöhnungspräparat. Selbst ein formvollendetes „Wienerlied“ erlaubt sich Der Nino aus Wien auf „Ocker Mond“: Welt- und Herzschmerz tanzen Schleicher. Zum Niederknien schön.

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Der Nino aus Wien: Ocker Mond. Rough trade/Herne.


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