Regionaler Onlinehandel ist „kein Selbstläufer“ in Corona-Krise

Die Corona-Krise hat den Onlinehandel befeuert. Trotz neuer regionaler Onlineplattformen hat der heimische E-Commerce weiter Aufholbedarf.

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Bis zu 60 Prozent der Umsätze im Onlinehandel wandern zu ausländischen Konzernen wie Amazon oder Zalando ab.
© APA/HELMUT FOHRINGER

Von Stefan Eckerieder

Wien, Innsbruck –Die Coronavirus-bedingten Geschäftsschließungen haben im Handel für drastische Umsatzeinbußen gesorgt. Die Johannes Kepler Universität Linz errechnete ein Umsatzminus bis Ostern im Handel von 2,6 Mrd. Euro. Der Onlinehandel und telefonische Bestellungen waren für viele Händler während des Shutdown oft die einzige Möglichkeit, nicht völlig leer auszugehen. Der Schub für den heimischen Onlinehandel könnte sich noch nachhaltig für die Händler bezahlt machen, erwartet Wolfgang Ziniel, E-Commerceexperte der KMU Forschung Austria.

„In der aktuellen Situation wurde sichtbar, dass die Wachstumsraten der Nutzung von Onlineshops bei allen Altersgruppen deutlich stärker gestiegen sind als in den vergangenen Jahren“, sagt Ziniel auf Basis einer Erhebung vom März. Während ab dem 16. März nur noch Supermärkte, Drogerieketten, Trafiken, Apotheken und Tierbedarfsgeschäfte offen haben durften, haben 71 Prozent der Konsumenten im Internet geshoppt, sieben Prozent zum ersten Mal, zeigt eine Gallup-Umfrage. Der E-Commerceexperte glaubt, dass diese Veränderung im Konsumverhalten „auch nach der Krise schlagend bleibt“.

Die großen Gewinner des Trends zum Onlineshopping waren aber einmal mehr internationale Onlinehändler wie Amazon oder Zalando. „56 bis 60 Prozent des Onlineumsatzes gehen weiter ins Ausland“, sagt Ziniel. Hier zeige sich einmal mehr, dass geplantes Verhalten vom tatsächlichen Verhalten abweiche, so Ziniel: „Bei Befragungen ist das Verhalten immer regionaler und nachhaltiger, als es dann tatsächlich ist.“

Dass Konsumenten aber dennoch daran interessiert sind, auch online regional zu shoppen, zeigen Zugriffszahlen der regionalen Plattformen. Alleine auf der von Land Tirol und Standortagentur Tirol initiierten Plattform www.wirkaufenin.tirol wurden innerhalb weniger Wochen über 550.000 Seitenaufrufe von mehr als 140.000 Nutzern registriert. Rund 1900 Tiroler Unternehmen haben sich auf der Plattform angemeldet. „Es bleibt zu hoffen, dass durch diese Plattformen eine verstärkte Regionalisierung im E-Commerce sichtbar wird“, sagt Ziniel.

Ein „Selbstläufer“ seien die Plattformen in Zukunft „sicher nicht“. Auch künftig erfolgreich könnten die regionalen E-Commerceplattformen nur sein, wenn es gelinge, ein nachhaltiges Verhältnis mit den neu gewonnenen Kunden aufzubauen. „Dazu gehören unter anderem laufende Kommunikation mit den Kunden und maßgeschneiderte Angebote.“ Das Hauptthema sei Geschwindigkeit bei der Beantwortung von Konsumentenanliegen und der Auslieferung der bestellten Waren. Zugleich bestehe die Gefahr, in Rabattschlachten verwickelt zu werden, ohne davon zu profitieren. „Bei ,Black Friday‘ und ,Cybermonday‘ gerät der Handel in Rabattspiralen, kann aber keine loyalen Kunden erzielen“, sagt Ziniel, der trotz aller Digitalisierungsini­tiativen der vergangenen Wochen weiter großen Aufholbedarf beim heimischen E-Commerce ortet. In Österreich hat nämlich nur jeder vierte stationäre Händler einen Onlineshop. „Bei einer Umfrage haben zehn Prozent der Händler, die keinen Online-Shop haben, erklärt, sich einen zulegen zu wollen. Das ist nicht so viel.“


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