Wolfgang Böhme: Ein Seelenklempner hinterm Steuer geht in Pension

Nach 38 Jahren als Buslenker geht Wolfgang Böhme in Pension. Er erlebte den Wandel des Straßenverkehrs in Tirol hautnah, kennt viele Fahrgäste beim Namen und will manche davon vor dem Schulabbruch bewahrt haben.

Viele Anekdoten weiß Wolfgang Böhme zu erzählen. Am Freitag wird er seinen Postbus endgültig abstellen.
© Foto Rudy De Moor

Innsbruck, Grinzens – Sein Behandlungszimmer ist kaum über einen Quadratmeter groß. Die rote Couch fehlt ganz, Sessel aus Hartplastik, mit grauem Stoff bepolstert, tun es auch. Wolfgang Böhme, der am 4. Juni 65 Jahre alt wird, ist so etwas wie ein mobiler Seelenklempner, der hinterm Steuer seiner Praxis sitzt. „Wenn ein Fahrgast, den ich kenne, ein langes Gesicht macht, merk’ ich das sofort“, sagt er. „Und dann wird geredet.“ Ein schlauer Rat, ein gutes Wort, einfach zuhören seien das Mindeste. 38 Jahre lang war Böhme in Tirol Buslenker. Am Freitag steht seine letzte Fahrt an.

„Von Innsbruck geht es über Ampass nach Tulfes. Um 19.10 Uhr ist Schluss“, sagt Böhme. Dann wartet die Pension. Angefangen hat die Buslenker-Karriere für den in Götzens geborenen und aufgewachsenen Tiroler Ende der 1980er-Jahre im Zillertal. „Skibus bin ich gefahren.“ Schon damals habe er gemerkt, wie rasch das Verkehrsaufkommen im Land zunehme. „Und heute ist sowieso alles, was Räder hat, auf der Straße“, was es für die Lenker immer schwieriger gemacht habe. „Trotzdem und Gott sei Dank hatte ich nie einen gröberen Unfall.“

Am gestrigen Vormittag lenkt Wolfgang Böhme, der seit jeher bei der Postbus AG angestellt ist, sein Fahrzeug von Innsbruck nach Grinzens. Eine Frau steigt zu, fragt nach, wo sie das Ticket entwerten soll. „Jetzt brauchen Sie das gar nicht tun. Aber eine ganz Ehrliche sind Sie“, entgegnet der noch 64-Jährige. Gelächter. Um einen flapsigen Spruch war er nie verlegen. Ein Fahrer müsse die Menschen eben so nehmen, wie sie sind. „Das macht es für alle leichter.“ Wegen seiner sozialen Ader vertrauten sich ihm viele Fahrgäste an. Besonders für Kinder und Jugendliche, von denen er im Laufe der Jahre Hunderte zur Schule fuhr und dann wieder nach Hause brachte, hatte er stets ein offenes Ohr. „Wenn etwa der Test schiefgegangen ist, hab’ ich mit ihnen geredet. Manche wollten die Schule hinschmeißen.“ Zugelassen habe er das freilich nicht, ihnen einen Schubs in die richtige Richtung gegeben. „Dann haben sie doch weitergemacht, die Matura abgelegt, studiert, eine ist heute sogar Ärztin.“

Ein Gros seiner Fahrgäste kennt er beim Namen, vor zehn Jahren noch mehr als heute, Anekdoten weiß Böhme von vielen zu erzählen. Früher war nicht alles besser, aber manches. „Die Leute hatten viel mehr Zeit. Für einen Plausch. Oder wenn der Bus mal ein paar Minuten zu spät kam, war das kein Problem.“ Heute sei das kaum noch der Fall, zu hektisch sei alles. Nach dem Pensionsantritt selbst viel Zeit zu haben, davor fürchtet sich der Busfahrer ein wenig. „So gut es geht, werde ich versuchen, Abstand zu gewinnen.“ (bfk)

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