Medienkünstlerin Valie Export: Absolut kein Grund, nicht mehr wütend zu sein

Dass Kunst aggressiv sein muss, davon ist die feministisch bewegte Medienkünstlerin Valie Export auch mit 80 mehr denn je überzeugt.

Aufhören ist für Valie Export auch mit 80 kein Thema.
© VALIE EXPORT Center Linz

Von Edith Schlocker

Wien – Als Valie Export im Februar 1968 ihren damaligen Lebensgefährten und Künstlerkollegen Peter Weibel an eine Hundeleine gelegt und auf allen vieren gehend in der Wiener Kärntnerstraße spazieren führte, war die Empörung groß. Wobei die als Fallstudie zur Soziologie menschlichen Verhaltens angelegte Aktion besonders wegen ihrer provokanten sexuellen Dimension irritierte, die eindeutig die Frau als Dominierende definiert, indem sie den Mann am Gängelband führt.

„Kunst muss aggressiv sein“, ist die am 17. Mai vor 80 Jahren in Linz als Waltraud Lehner geborene Pionierin des feministischen Aktionismus überzeugt. Und ihre Wut hat sich die längst in die Kunstgeschichte eingezogene Künstlerin bis heute bewahrt, habe man doch gerade in der aktuellen Situation bezüglich feministischer Anliegen „das Gefühl, immer wieder von vorne anfangen zu müssen“.

Ihre im Linzer Lentos groß angelegte Geburtstagsausstellung musste auf Herbst verschoben werden, die Schau „VALIE EXPORT. Collection Care“ im Linzer Francisco Carolinum läuft seit heute. Und das eigentlich im Rahmen des – abgesagten – Crossing Europe Filmfestivals geplante Tribute ihr zu Ehren soll bei der Ars Electronica im September nachgeholt werden. Trösten dürfte sich die Künstlerin damit, dass ihr Bild „Smart Export“ von 1970 einen Dauerplatz im New Yorker Museum of Modern Art hat. Ein provokant mit den Mitteln der Fotografie eine damals beliebte Zigarettenmarke transformierendes Sujet, das längst zum Markenzeichen der sich formal immer wieder wandelnden Künstlerin geworden ist.

Die besonders in ihren Anfängen oft ihren eigenen Körper zur Projektionsfläche ihrer Botschaften gemacht hat. Wenn sie sich 1968 etwa ihr „Tapp- und Tastkino“ vor den nackten Oberkörper geschnallt hat, um ihr wildfremde Menschen dazu zu animieren, in den Kasten zu greifen und 33 Sekunden lang ihre Brust zu befummeln, oder mit ihrer im Schritt offenen „Aktionshose: Genitalpanik“ Männer wie Frauen zu verstören. Um sich auf diese Weise ganz bewusst selbst zum Lustobjekt zu machen und gleichzeitig in lustvoll besetzter Radikalität ein obsolet gewordenes Frauenbild in Frage zu stellen.

Das die Linzer Klosterschülerin, die mit 18 schwanger wurde, heiratete, eine Tochter bekam und sich bald wieder scheiden ließ, aus eigener Erfahrung kannte, um nicht zuletzt unter dem Einfluss avantgardistischer Künstlerkreise rund um die Wiener Gruppe, den Art Club und die Aktionisten radikal damit zu brechen.

Das kritische Hinterfragen gesellschaftlicher und politischer Kodierungen und Strukturen aus feministischer Perspektive wurde zum lebenslangen Thema von Valie Export, ausgelotet nach den aktionistischen Anfängen mit den Medien von Film, Fotografie und Installation, um etwa in ihren „Körperfigurationen“ das Verhältnis des Körpers zur Landschaft oder Architektur auszuloten. Mündend in multimedial zelebrierten konzeptuellen Arbeiten von zunehmend surrealem Touch im Wissen, dass „es die eindeutige Wahrnehmung, die eindeutige Wirklichkeit und Identität nicht gibt“, so Valie Export im Jahr 2000 anlässlich ihrer großen Personale in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais.

Die von deren damaliger Leiterin Silvia Eiblmayr kuratiert wurde, mit der gemeinsam Valie Export 2009 den Österreich-Beitrag bei der venezianischen Biennale verantwortet hat, 29 Jahre nachdem sie die Ehre hatte – gemeinsam mit Maria Lassnig –, den Österreich-Pavillon zu bespielen. In den 1990er-Jahren unterrichtete die mit unzähligen Preisen – u. a. 2014 dem von Yoko Ono gestifteten „Courage Award for the Arts“ – überschüttete Künstlerin, die auch mit 80 ans Aufhören keinen Gedanken verschwendet, an Kunsthochschulen in Berlin, Köln und in den USA.


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