Verhaltene Freude über Lockerungen bei der Tiroler Künstlerschaft

Die am Freitag präsentierte schrittweise Lockerung im Veranstaltungssektor sorgt bei Künstlern und Veranstaltern für Aufatmen, aber nicht für Euphorie.

Der Innsbrucker Musiker und Produzent Stefan Wolf über Zweckoptimismus und Wut über politische Ignoranz.
© InnTime

Von Hubert Trenkwalder

Innsbruck – Es hatte sich schon Mitte der Woche abgezeichnet und schließlich am Freitag für Aufatmen unter Kunstschaffenden, Musikern und Veranstaltern gesorgt. Eine­ schrittweise Lockerung der Corona-Maßnahmen ab 29. Mai soll Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen mit bis zu 100 Besuchern ermöglichen, ab 1. Juli mit bis zu 250 Besuchern und ab 1. August mit bis zu 500 Besuchern (bei Vorliegen eines speziellen Sicherheitskonzeptes mit bis zu 1000).

Das ist zumindest ein Licht am Ende des Tunnels für eine Branche, die sich in den vergangenen Wochen doch als völlig im Regen stehen gelassen wahrnahm.

Kulturlandesrätin Beate Palfrader sieht die Entwicklung nun positiv: „Es ist sehr erfreulich, dass nunmehr auch im Kunst- und Kulturbereich der Weg zurück in mehr Normalität – schneller als ursprünglich erwartet – gegangen werden kann.“ Eigenverantwortung, umsichtige Risikoeinschätzung und Sicherheit seien dabei aber auch weiterhin von besonderer Bedeutung.

Georg Hetzenauer: „Lockerungen sind wichtiger Schritt.“
© Lindner

„Institutionen der Hochkultur haben ebenso wie Kulturinitiativen, Traditionsverbände und freischaffende Künstlerinnen und Künstler eine lange und oft auch existenzbedrohende Durststrecke hinter sich“, so Palfrader weiter. „Kunst und Kultur, die für unser Land so prägend und wichtig sind, verdienen sich unsere Wertschätzung, unseren Schutz sowie umfassende und effektive Perspektiven.“

Georg Hetzenauer, der mit seiner Agentur Alp­events ja auch seit Jahren für die Durchführung des TT-Wandercups mitverantwortlich zeichnet, steht in den Startlöchern: „Unsere Branche ist stark und wird auch diese Krise überstehen. Die vergangenen Wochen kamen für uns ja einem zeitweiligen Berufsverbot gleich. Ich denke, diese Lockerungen sind ein wichtiger Schritt, aber die Problematik ist vielschichtiger. Bei einem Konzertsaal, wo jeder zweite Sessel leer bleiben muss und Schutzmaskenpflicht besteht, da bezweifle ich schon, ob der so genannte Spirit einer Veranstaltung beim Publikum ankommt.“

Bei Veranstaltungsprofi Peter Lindner will keine rechte Euphorie aufkommen: „Die letzten Monate waren für unser Team herausfordernd. Alles wurde auf null gestellt, und die Freude mit der Öffnung hält sich nun in Grenzen.“

Bei den drastischen Maßnahmen hätten ihm die vernünftigen Ansätze gefehlt, so Lindner: „Ich habe das Gefühl, wir sitzen da in einem Zug ohne Endstation, und die Expertenrunde bestimmt teils willkürlich die Zwischenstationen.“

Lindner: „Es muss wieder Normalität hergestellt werden, da geht es nicht nur um die Menge der Sitzplätze, sondern dass sich die Besucher ohne Angst und strenge Auflagen wohlfühlen können!“

Die Veranstaltungsbranche könne man nicht so hinauffahren wie einen Baumarkt.

Die Wunschvorstellungen von Hetzenauer und Lindner decken sich: „Ab September – man braucht ja auch Vorlaufzeit für eine erfolgreiche Veranstaltung – die Rückkehr zur annähernden Normalität wie vor der Krise. Das würde uns und wohl die gesamte Branche freuen. Und die staatlichen Unterstützungen sollten tatsächlich bei jenen ankommen, denen man über längere Zeit die existenzielle Grundlage genommen hat.“

Peter Lindner: „Wir brauchen annähernde Normalität.“
© TMK

In ein ähnliches Horn bläst Musiker und Produzent Stefan Wolf, der durch sein Engagement in den letzten Wochen auch ein bisschen zum Vertreter der „nicht-vertretenen“ Künstler avancierte: „Als zu hundert Prozent selbstständiger Musiker ohne Einnahmen aus Lehrverträgen waren die letzten Wochen für mich eine Mischung aus Zweckoptimismus und Wut über die politische Ignoranz gegenüber unserer Berufssparte.“

Offenbar werde sehr gerne übersehen, dass der Unterhaltungskünstler seine Arbeit nicht nur zum Spaß betreibt, sondern damit auch seinen Lebensunterhalt bestreitet, „und das funktioniert halt mal nicht mit Gratis-Balkonkonzerten“.

Wolf gibt sich kritisch: „Die Ankündigung, Veranstaltungen wieder möglich zu machen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Events unwiderruflich abgesagt wurden und mit den vorgegebenen Bedingungen größtenteils auch nicht realisiert werden könnten.“

Und die Zukunftsaussichten seien alles andere als rosig: „Ich befürchte, dass die massiven Existenzgefährdungen von freischaffende Künstlern, Veranstaltern, Technikern etc. von öffentlicher Seite als Kollateralschaden in Kauf genommen werden, da wir gemessen an der Gesamtbevölkerung nur eine Minderheit sind.“

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: „Ich habe nun zumindest gemeinsam mit einem von mir zusammengestellten kreativen Think Tank einen offiziellen Termin bei der Stadt Innsbruck bekommen, um konstruktiv über die Bewältigung der gegenwärtigen Situation für uns Kulturschaffende zu diskutieren. Hoffen wir das Beste!“


Kommentieren


Schlagworte