Schwarzer Monolith mit Turm am Schwazer Pirchanger

Anstelle des Atelierhauses des Bildhauers Sepp Baumgartner hat Marietta Marksteiner-Rangger am Schwazer Pirchanger ihr Haus gebaut. Entwickelt rund um einen Raum, der viel mit dem ehemaligen Atelier zu tun hat.

In den Hang geschoben ist der von schwarz lasierten Lärchenbrettern umhüllte, durch große Fenster durchlässige Monolith.
© Schlocker

Von Edith Schlocker

Schwaz – Am Schwazer Pirchanger entwickelte sich ab den 1930er-Jahren so etwas wie eine kleine Künstlerkolonie. Auch der Bildhauer Sepp Baumgartner baute sich hier sein Haus samt Atelier, das mit seinen perfekten Proportionen das „Herz“ des Hauses war, sagt die in Schwaz aufgewachsene Architektin Marietta Marksteiner-Rangger, die sich schon als Kind in das originelle Holzständerhaus verliebt und es vor einigen Jahren gekauft hat. In der Hoffnung, es sanieren und in ein Wohnhaus für sich und ihre Familie verwandeln zu können.

Eine luftige metallene Stiege verbindet das Eingangsgeschoß mit dem darüberliegenden.
© Schlocker

Als sich der Bestand allerdings als unrettbar herausstellte, sei das für sie eine Tragödie gewesen, so Marietta Marksteiner, die dann aber sozusagen als Wiedergutmachung für seinen Abriss das neue Haus rund um einen zentralen Raum plante, der in seinen aus dem Goldenen Schnitt heraus entwickelten Proportionen fast 1:1 dem Baumgartner’schen Atelier entspricht. Wie dieses fast vier Meter hoch ist, perfekt mit Nordlicht versorgt durch ein riesiges Fenster.

Offenes Spiel mit Ebenen, Raumhöhen und Proportionen.
© Schlocker

Es sei eigentlich schrecklich, seine eigene Bauherrin zu sein, gesteht die Architektin, seien die Ansprüche, die man an sich selbst stelle, doch fast unerfüllbar. Wobei ihr Ziel von Anfang an feststand: die Reduktion auf klare Formen und wenige pure Materialien, besonders ihre „Lieblinge“ Sichtbeton, Holz, Glas, Terrazzo und Kautschuk. Relativiert wird diese formale Strenge und materielle Konsequenz durch die Möblierung. Zele­briert als zweifaches Spiel mit Gegensätzlichem, dem Antipodischen von Kopf und Bauch. Kommen die Möbel doch als schräger Mix aus Designklassikern von Eames und Panton mit historisierenden, von der Oma geerbten Sitzmöbeln inklusive bunt gemusterter Bezüge daher.

Der Hang, an dem das Haus von Marietta Marksteiner-Rangger liegt, ist extrem steil. Erschlossen durch einen aus Sichtbeton gebauten Liftturm.
© Schlocker

Der Hang, an dem das rund 700 Quadratmeter große Grundstück liegt, ist extrem steil. Es zu erschließen, war sehr aufwändig, weshalb es vom Kauf bzw. Abbruch des alten Hauses bis zum Einzug in das neue rund zehn Jahre gedauert hat. Errichtet als in den Hang geschobenes Hy­brid. Alle erdberührenden Teile sind aus Sichtbeton gebaut, der Rest aus Holz. Umhüllt ist der Baukörper dagegen komplett von schwarz lasierten, vertikal gesetzten Latten aus gehobelter Lärche sowie an ausgewählten Stellen in höchst reizvollem Kon­trast dazu von kleinen schwarz glänzenden Fliesen.

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Wie eine Zwiebel habe sie das Haus, dessen rund 160 Quadratmeter Wohn-Nutzfläche Marietta Marksteiner-Rangger mit Mann und elfjährigem Sohn teilt, geplant. Entwickelt mit Maßen außerhalb aller üblicher Normen auf drei Ebenen rund um jenen Raum, in dem das ehemalige Atelier Sepp Baumgartners in ganz neuer Form weiterlebt. Wobei das Raumprogramm als offenes Spiel mit Maßen, unterschiedlichen Ebenen, Raumhöhen, Proportionen, Zonen des intim Höhligen bzw. in alle Richtungen Offenen so durchdekliniert wird, dass Le Corbusier, der große Hero Marietta Marksteiners, seine helle Freude hätte.

Besonders im Wohngeschoß konnte sie die sich selbst abverlangte Konsequenz, ohne Kompromisse schließen zu müssen, durchhalten, was in der Ebene darüber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht bis ins Detail möglich war. Was sich die Architektin inzwischen aber verzeiht, sodass sie nun sagen kann, bei ihrem Haus so ziemlich alles richtig gemacht zu haben.

Der Steilheit des Geländes geschuldet ist allein schon die Zufahrt zum Haus eine Herausforderung – und erst recht der Zugang zu diesem. Wem es zu mühsam ist, die 73 Stufen zum Eingang zu erklimmen, der kann den in einen Turm aus Sichtbeton eingehausten Lift nehmen, der neben dem hangabwärts in das Gelände gegrabenen Carport steht. Um über eine schmale Rampe aus Metall zu einer kleinen Terrasse bzw. die an das Haus linksseitig angedockte Stiege zu kommen, deren zehn Stufen zu einer weiteren Plattform direkt vor der Haustüre führen. Schwindelfreiheit ist bei all diesen Aktionen kein Fehler, gibt es doch nirgends Geländer bzw. Absturzsicherungen.

Das Innere des markanten Monoliths hat seine Erfinderin sehr offen gedacht. Türen im üblichen Sinn gibt es kaum. Nicht einmal bei der Dusche bzw. dem WC im Eingangsgeschoß, die allerdings durch eine Stahlwand nun doch eine Abschottung bekommen sollen. Der Vorraum öffnet sich talseitig zum überhohen Wohnraum mit seinem riesigen Schaufenster. Der zweite Teil dieses Raums ist wesentlich niedriger und mittig durch eine Mulde vertieft, die zum bequemen Sitzen bzw. Beliegen weich ausgepolstert ist. Die Stadt unten im Tal bzw. die sehr nahen Nachbarn werden auf diese Weise komplett ausgeblendet, die Blicke gehen nach oben, in Himmel und Baumkronen.

Die Mitte dieses fast skulptural daherkommenden Raumgebildes definiert eine schlichte, ins Obergeschoß führende graue Stiege aus Metall, die noch einen weißen Anstrich bekommen soll. Als markantes Zeichen steht hier oben der fabelhafte schwarze Küchenblock mit seiner durch eine Schattenfuge wie schwebend anmutenden Platte aus gebürstetem Edelstahl. Der Essplatz ist mit Klassikern von Verner Panton möbliert. Dieses obere Geschoß ist noch luftiger als das untere. Dominiert von weiten Aus- und Durchblicken in sämtliche Richtungen, gegen Westen sich öffnend durch eine großflächige Verglasung zu einer Terrasse.

In dem rückseitig in den Hang geschobenen niedrigen Trakt liegen das Schlafzimmer und das Bad von Marietta Marksteiner-Rangger und ihrem Mann, orientiert zu einem intimen, schwarz verfließten Patio. In bester Aussichtslage zum Tal hat unter dem Pultdach der elfjährige Finn sein über ein paar Stufen erreichbares kleines Reich.

Das – als einzige wirkliche Farbe im Haus – blaue Wände hat. Bevorzugt die Architektin doch für ihre Hülle zum Leben auch in Sachen Farbe absoluten Purismus. Die Farben von Sichtbeton und weiß oder schwarz lasiertem Holz, von Terrazzo oder beigem Kautschuk als Bodenbeläge. Allein im Schlafzimmer und im Zimmer von Finn liegen Riemen aus Holz. Denn „bunt sind wir selbst“, sagt Marietta Marksteiner-Rangger, weshalb der Stoff, aus dem die Außenrollos sein werden, natürlich schwarz ist.


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