„Einstürzende Neubauten“ legen nach: Welcome im Spätwerk

Nach 13 Jahren legen die Avantgarde-Musiker der „Einstürzenden Neubauten“ ein neues Album vor. Der Krach ist fein gezeichneten Soundgemälden gewichen.

Crowdfunding-Pioniere: Auch das aktuelle Album der „Einstürzenden Neubauten“ entstand mithilfe treuer Supporter. Die Premierenkonzerte sowie die anschließende Tour mussten abgesagt bzw. verschoben werden.
© Mote_Sinabel

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Alles begann dort. Im Berlin der 80er, wild, brutal, exzessiv, es herrschte pure Anarchie, bis zum körperlichen und musikalischen „Kollaps“. Das war das Konzept der Einstürzenden Neubauten, die am 1. April 1980, sich in eine dadaistische Tradition einschreibend, erstmals auf einer Berliner Bühne gelärmt haben. Damals, das ist vierzig Jahre her, wurden die vier wohl eher als musikalischer Aprilscherz verstanden. Dass diese Band, in der Krach auf Avantgarde trifft, deutsche Musikgeschichte schreiben würde, daran glaubte wohl weder Frontman Christian Emmerich noch seine Kunstfigur Blixa Bargeld.

Nach den wilden Berliner Anfangstagen bewohnte Bargeld die Welt, jetzt ist er wieder fix zurück in der deutschen Hauptstadt. Vielleicht auch ein Grund, wieso sich im neuen Studioalbum der Einstürzenden Neubauten, das erste seit 2007, Berliner Wahrzeichen häufen. „Vielleicht Berlin?“, war auch der Vorschlag des Masterminds auf die Frage, welches Thema „Alles in allem“ denn verhandeln sollte. Schließlich stand die Single „Welcome To Berlin“ bereits. Auf den Longplayer hat es diese Nummer dann doch nicht geschafft, dafür zehn andere. „Es ist kein Berlin-Album“, betont der Neubauten-Frontman in mehreren Interviews anlässlich der Veröffentlichung der Platte am vergangenen Freitag. Der sinnstiftende Titel fehlt.

Ist „Alles in Allem“, will man dem Albumtitel folgen, dann wenigstens jenes positive Resümee, die Retrospektive, die den Einstürzenden Neubauten – als Band längst musealisiert, und inzwischen auf den großen Theaterbühnen daheim – noch fehlt? Eher nicht. Das Album ist ein Spätwerk in fein gezeichneten Soundgemälden. Es nimmt sich Platz. Und schon im ersten Durchlauf ist hörbar: „Alles in allem“ ist abstrakt, und doch viel zugänglicher als Früheres.

Tatsächlich, Blixa Bargeld ist in seinen neuen Zeilen, seiner musikalischen Gegenwartslyrik, klar geografisch verortbar. Er lässt sich nieder in „Wedding“, das nicht nur ein Stadtteil, sondern auch Lautgedicht ist. Und er träumt sich nach „Tempelhof“, einem Ort, an dem Artifizielles mit Natur verschwimmt. „Da wo die Nacht am flachsten und voller Türen ist / da komm ich abhanden / die Vorhalle / Blätter auf dem bunten Marmorboden / hat der Wind hineingeweht / Stufen nach unten / die Schalterhalle unbesetzt / hier wird nicht abgefertigt / kein Ballast aufgegeben“, sprechsingt Bargeld in einer der ruhigsten Nummern des Albums.

Bei „Grazer Damm“ besucht man den Frontman zuhause, hier ist der heute 61-Jährige aufgewachsen. Grund genug, tief einzutauchen in die eigene Geschichte sowie jene der ab 1938 errichteten Siedlung mit ihren „Luftschutzkellern in allen Häusern“. Geschichtsträchtig wird’s auch „Am Landwehrkanal“, in dem die ermoderte Aktivistin Rosa Luxemburg entsorgt wurde.

Wie klingen diese düsteren Berliner Orte? Nicht unbedingt düster und längst nicht mehr so exzessiv wie früher. Dennoch: Auch für „Alles in Allem“ sind die Neubauten, die Kinder des Schrottplatzes, auf der Suche nach ungewöhnlichem Neuen – nicht nur Instrumenten und Klang, sondern auch Geschichte. Mit dem dumpf wühlenden Bass von Alexander Hacke, dem Scheppern und Klappern von Gründungsmitglied N. U. Unruh und Rudolf Moser sowie den Gitarrenfetzen von Jochen Arbeit in „Ten Grand Goldie“ zitieren sich die Neubauten selbst und erfinden sich neu. „Am Landwehrkanal“ schunkelt derart hart, dass – ganz kurz – Verwechslungsgefahr mit Element of Crime aufkommt. Und in „Zivilisatorisches Missgeschick“ wird die ganz große Krachmaschine nochmals angeworfen.

Dem ungewöhnlichsten Klangkörper begegnet man aber im Track „Taschen“. Ja, das Material steckt im Titel. Der sich dahinschleifende, dumpfe Klang kommt von so genannten „Polenkoffern“, PVC-Taschen mit Lumpen bepackt, die sonst für Umzüge verwendet werden – oft auch von Flüchtlingen. Diesen Umstand greifen die Zeilen „Was wir in deinen Träumen suchen / wir suchen nichts / wir warten“ auf; auch hier wird der Song greifbar – und hochpolitisch.

In gewisser Weise heiter wird es bei „Möbliertes Lied“, in dem Bargeld dahinpoltert: „Ich hab’ unser Lied frisch renoviert / die Wände verputzt, einen neuen Ton ausprobiert / die Strophen abgezogen, einen Wandschrank als letzte Zuflucht präpariert“. Die verbrauchten Metaphern wurden im Giftmüll entsorgt, und mit „neuen, unbenutzten ausreichend vorgesorgt“, so Bargeld weiter. Das passt. Denn neu möbliert haben sich die Einstürzenden Neubauten auch mit diesem Album. Das ist gute Arbeit. Auch wenn Bargeld in seinen Interviews betont, „Wir werden alle älter“, die Entdeckerlust ist noch da. Und jetzt eben auch der Platz. „Alles in Allem“ ist immer noch Ereignis, wenn auch ein ruhigeres.

Alternative. Einstürzende Neubauten: Alles in Allem. Potomak.


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