Infektiologe Günter Weiss: „Im Freien ist Infektion mit Virus unwahrscheinlich“

Infektiologe Günter Weiss fordert zur Verhinderung einer zweiten Welle weiter Abstand, Innsbrucks Bürgermeister Willi will Corona-Ampel.

Derzeit müssen in Bussen und zum Teil in Schulen Masken getragen werden, Prof. Günter Weiss rät jedenfalls zum Abstandhalten.
© Rachlé

Von Verena Langegger

Innsbruck – Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi (Grüne) hat im Kampf gegen das Coronavirus eine „Corona-Ampel“ speziell für Städte nach dem Berliner Modell vorgeschlagen. Die Ampel soll die Reproduktionszahl der Fälle, die Neuinfektionen und die Intensivbettenkapazität überwachen – die Politik soll also jene Grenzwerte festlegen, wann die Ampel umspringt. Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) hat diese politisch festgelegten Grenzwerte bis jetzt allerdings abgelehnt.

Der Infektiologe und Leiter der Inneren Medizin, Professor Günter Weiss ist Berater der Bundesregierung und berät auch den Krisenstab des Landes Tirol. Das Konzept der Ampelregelung kennt er nicht. Für ihn ist aber klar: „Die Maßnahmen müssen an die Zahl der Infektionen angepasst werden.“ Seit vergangenem Freitag haben Res­taurants, Cafés und Gasthäuser wieder geöffnet, Ende Mai werden Hotels, Schutzhütten und Seilbahnen wieder aufsperren. „Wir müssen zwei, drei Wochen beobachten, ob die Infektionszahlen wieder ansteigen.“ Die Lockerungen machen aber – eben wegen der niedrigen Infektionszahlen – auch für den Arzt durchaus Sinn. Zudem sei davon auszugehen, dass das Coronavirus, das die Atemwegsorgane angreift, sich im Sommer nicht derart schnell ausbreiten könnte. „Im Freien ist eine Infektion mit dem Virus eher unwahrscheinlich“, sagt Weiss. Ob und wann eine zweite Welle an Corona-Infektionen in Österreich erwartet werden könne, sei aber unklar. Weiss rechnet im Sommer zwar mit weiteren Infektionen, insgesamt aber mit eher niedrigeren Zahlen.

Wichtig sei jedoch das Einhalten der bekannten Hygienemaßnahmen, also Abstand halten, Hände waschen und zuhause bleiben, wenn man sich krank fühlt. Die Bedeckung von Mund und Nase mit einer Maske sei im Umgang mit Risikogruppen ebenfalls unbedingt erforderlich. Sollten die Infektionszahlen in Tirol aber niedrig bleiben, sieht Weiss keine Notwendigkeit für das Tragen einer Maske, „schon gar nicht auf der Straße oder alleine im Auto. Eine Maske macht nur Sinn, wenn ich nicht weiß, ob es Infizierte um mich herum gibt.“

Derzeit seien Wissenschafter und Ärzte damit beschäftigt, zu prüfen, welche Maßnahmen beim Shutdown tatsächlich zum Rückgang der Infektionen geführt hätten. „Dann wissen wir mehr und es kann nachgebessert werden“, sagt Weiss. „Dass der Schalter (Anm. Lockdown) wieder umgelegt werden muss“, hofft Weiss nicht. „Es ist auch fraglich, ob es – gesellschaftlich – noch einmal funktioniert.“ Deshalb müssten Kranke auch weiterhin identifiziert und isoliert werden. Denn es gebe – trotz intensiver Forschungen – noch kein Medikament. Es heißt weiter warten, zudem seien „klinisch kontrollierte Studien notwendig“.

„Es wird eine Impfung geben“, sagt Weiss, nur wann, sei nicht klar. Mittlerweile sei auch schon relativ viel bekannt über das Coronavirus, doch auch wenn es eine Impfung gibt, sei „100-prozentiger Schutz nicht möglich“. Am Ende der kommenden Wintersaison wisse man mehr. 30 Firmen arbeiten weltweit am Impfstoff, was fehle, sei seine klinische Erprobung.

Die wichtigste „ungeklärte Frage“ ist für den Fachmann aber der „symptomlose Kranke“, auch Zahlen gebe es kaum. Noch sei unklar, ob bzw. wie starke Überträger diese Personen seien. Klar sei aber, „je stärker die Symptome bei einer Erkrankung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Personen angesteckt werden“, sagt Weiss. Ideale Bedingungen für das Virus seien auch „Räume, in denen viele Personen arbeiten bzw. leben“.


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