Lautstarkes Schweigen der Tiroler Kulturschaffenden

Kulturschaffende aus ganz Tirol machten gestern auf dem Innsbrucker Landhausplatz mit sechs Minuten Stille auf ihre Situation aufmerksam.

Rund 450 Künstlerinnen und Künstler aus ganz Tirol protestierten am Mittwochnachmittag gegen den Stillstand in der Kunst- und Kulturbranche.
© Foto Rudy De Moor

Innsbruck – Applaus ist schön. Aber brotlos. Und gerade Applaus hat dieser Tage einen ätzenden Beigeschmack. Für jene, die im Gesundheitswesen trotz mauer Entlohnung Großes leisten, wurde geklatscht. Und für Amtsträger auf Bundesländertour. Auch für Künstlerinnen und Künstler, für Maler, für Schauspielerinnen, Musiker, für Sängerinnen und Tänzer gibt es seit Beginn der Corona-Krise immer wieder Beifall. Wenn sie sich auf einen Balkon stellen zum Beispiel. Wie sie Balkon samt Wohnung in Zeiten von Veranstaltungsverboten bezahlen sollen, blieb bislang Gegenstand politischer Absichtsbekundungen.

Seit zwei Monaten sind ihre Arbeits- und Aufführungsstätten zum Zwecke des Infektionsschutzes geschlossen. Erste Lockerungen sollen in den kommenden Tagen in eine Verordnung gegossen werden. Wie und ob sich das Papier in die Praxis übertragen lässt, wird sich zeigen. Rund 450 hiesige Künstlerinnen und Künstler, Profis, die ihre prekäre Profession gelernt und ihre Qualität vielfach bewiesen haben – Schauspieler und Schausteller, Intendanten, Beleuchter und Puppenspieler, Tontechniker, Kostümschneiderinnen, Orchestermusiker und Solisten, Kleinkünstler und die, die sich auf die großen Bühnen wagen –, haben sich gestern Punkt 16 Uhr auf dem Innsbrucker Landhausplatz eingefunden, um gemeinsam zu schweigen. Sechs Minuten für drei, vier, fünf, vielleicht sechs Monate Stillstand, der ihre Existenzen bedroht. Die beredten Forderungen hinter dem Schweigen sind klar: eine Aussicht auf Arbeit; und belastbare Vorgaben, die es möglich machen, sich über die nächsten Wochen zu retten.

Dass – anders als bei manchem Amtsträger­aufmarsch – vorschriftsgemäß Masken getragen und Sicherheitsabstand gehalten wurde, machte die Stille noch beklemmender. In sechs Minuten verfestigte sich Ahnung zur handfesten Bedrohung: Wer soll morgen vom Heute erzählen und Erzähltes zur Erfahrung formen, wenn nicht die, die es gelernt und geprobt haben? Auch nach Corona soll das offizielle Tirol die Möglichkeit haben, auf Kunst und Kultur stolz zu sein. In Sonntagsreden. Und an Werktagen. Sechs Minuten können lang sein, wenn sich niemand rührt. Mit jeder Minute wird greif- und begreifbarer, was auf dem Spiel steht. Auch deshalb entlud sich das Schweigen in minutenlangem Applaus, in übermütigem und bisweilen zornigem Klatschen in Richtung Landhaus. Dort blieben die Fenster geschlossen. Gehört wurde das ­Schweigen hoffentlich trotzdem. (jole)

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