Die Frage nach dem Übermorgen in der Königsklasse bleibt

Die Gerüchteküche brodelt: Es könnten nicht alle zehn Formel-1-Teams dem milliardenschweren Renn-Zirkus ab 2021 erhalten bleiben.

Die Silberflotte mit dem Stern auf dem Frontflügel steht vor einer ungewissen Formel-1-Zukunft: Was macht „Big Player“ Mercedes im kommenden Jahr?
© imago images/HochZwei

Von Daniel Suckert

Innsbruck – Mit Fernando Alonso und Sebastian Vettel werden aktuell zwei Superstars mit insgesamt sechs WM-Kronen auf dem Fahrermarkt gehandelt. Der spanische Doppel-Weltmeister soll vor einer Unterschrift bei Renault stehen, den Heppenheimer wollen viele, inklusive Ex-Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, bei der Sternenflotte unterkommen sehen. Doch es stellt sich mittlerweile eine ganz andere Frage: Werden Weltmeister Mercedes und der französische Stolz Renault nach dieser Saison überhaupt noch Teil der Königsklasse sein?

Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Dass die Formel-1-Projekte bei Mercedes und Renault schon vor der Corona-Krise auf dem Prüfstand waren, stellt keine Neuigkeit dar. Bei beiden Unternehmen gab es an der Spitze einen Führungswechsel – beide stellten sofort klar, jeden Stein umdrehen zu wollen.

Das war im vorigen Jahr. Die aktuelle Corona-Pandemie traf die Auto-Industrie mit voller Wucht. Nicht nur bei Mercedes und Renault wurde Kurzarbeit beantragt, auch Aushängeschild Ferrari musste das Werk herunterfahren und die Gewinnerwartung drastisch nach unten schrauben.

Was die Königsklasse betrifft, läuft Ende des Jahres das alte „Concorde Agreement“ aus der Ära Ecclestone aus. Das wird durch ein neues ersetzt werden. Dabei sollen die aktuellen zehn Rennställe für mehrere Jahre gebunden werden. Unterschrieben hat das jedoch noch niemand. In den vergangenen Wochen wurde noch eifrig an einer neuen Budget-Obergrenze gefeilt, nachdem die kostenintensive, technische Revolution der Boliden bereits auf 2022 verschoben wurde.

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Da McLaren und Ferrari bereits frühzeitig neue Fahrer unter Vertrag genommen haben, wird deren Verbleib nicht in Frage gestellt. Sowohl Carlos Sainz jr. (25/ESP) bei Ferrari als auch der 30-jährige Daniel Ricciardo (AUS) bei McLaren haben langjährige Verträge serviert bekommen.

Déjà-vu: Die Finanzkrise vor zwölf Jahren hatte zur Folge, dass sich die beiden „Big Player“ BMW und Toyota den Luxus Formel 1 nicht mehr leisten wollten. Viele gehen von einem ähnlichen, manche von einem noch schlimmeren Szenario aus. Da die Autohersteller bereits seit zwei Jahren mit einem kostenintensiven Umdenken in Sachen Umweltschutz konfrontiert sind.

Das große Plus der größten Auto-Bühne ist nach wie vor der Werbewert. Den hat eine Studie vor wenigen Jahren schon mit einem neunstelligen Betrag beziffert. Das wird stets als Rechtfertigung für einen Verbleib auf der elitären PS-Bühne herangezogen.

Blickt man dieser Tage aber zum Deutschen Tourenwagen Masters (DTM), dann sieht man, wie schnell der Stecker gezogen werden kann. Dort hat Audi vor wenigen Wochen angekündigt, sich mit Ende 2020 aus der DTM zu verabschieden. Seither wankt die gesamte Renn-Serie.

Ex-Formel-1-Pilot Ralf Schumacher und auch der ehemalige Teambesitzer Eddie Jordan halten den Ausstieg von Mercedes und Renault für realistisch. Unisono sagten der Deutsche und der Ire: „Mit solchen Szenarien muss man rechnen. Das ist nicht von der Hand zu weisen.“

Die Silbernen fuhren in den vergangenen sechs Jahren alles in Grund und Boden, müssten niemandem mehr etwas beweisen. Zusätzlich haben mit Motorsportchef Toto Wolff, Aushängeschild Lewis Hamilton (GBR) und Valtteri Bottas (FIN) die wichtigsten Akteure aktuell keinen Vertrag für das Jahr 2021.

Lieferservice mit dem Stern: Dass die Silbernen ab 2021 „nur“ noch als Motorenlieferant in Erscheinung treten könnten, gab es schon einmal. Von 1995 bis 2009 nützte der britische Traditionsrennstall McLaren den Antrieb mit dem Stern auf den Zylindern, ehe die Herren aus Stuttgart vor zehn Jahren beschlossen, das Brawn-GP-Team zu übernehmen. Der Rest ist Motorsportgeschichte.

Milliardär in Sicht: Für die Königsklasse auf vier Rädern wäre ein Rückzug der Silbernen und Renaults ein harter Schlag, existenzbedrohend allerdings nicht. Denn wie heißt es so schön: Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Sprich: Interessenten und Käufer sind schnell gefunden.

In dem Zusammenhang fällt immer wieder der Name Lawrence Stroll. Der kanadische Milliardär und Vater des Racing-Point-Piloten Lance hat an der Formel 1 längst einen Narren gefressen. Der Geschäftsmann aus Übersee besitzt nicht nur den Rennstall Racing Point, sondern hat Anfang des Jahres auch Anteile an Aston Martin erworben. Die britische Traditionsmarke wird im kommenden Jahr den Namen Racing Point ablösen. Stroll und einer Handvoll Investoren traut man auch die Übernahme des Weltmeister-Rennstalls Mercedes zu.

Es wird in jedem Fall spannend: Beim möglichen Saisonstart in Spielberg (5. Juli) könnte sich zumindest schon eine Tendenz abzeichnen.


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