Neues Buch über Clint Eastwood: Den Mythos zerstören, um ihn zu bewahren

Clint Eastwood wird 90. Ein neues Buch verneigt sich vor dem „Mann mit Eigenschaften“ – gerecht wird es ihm aber nicht.

Bei den Dreharbeiten zu Don Siegels „Coogans großer Bluff“ (1968) sammelte Clint Eastwood erste Erfahrungen für die Arbeit mit und hinter der Kamera.
© imago

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Sache ist einfach – und gerade das macht sie kompliziert. Clint Eastwood ist als Schauspieler/Regisseur eine der herausragenden Figuren der US-amerikanischen und damit der globalen Filmgeschichte. Seit den 1960er-Jahren ist er ein Star. Einer der kommerziell erfolgreichsten aller Zeiten. 1971 debütierte er als Regisseur. Er produziert seine Filme selbst, dreht schneller und zumeist billiger als die große Hollywoodmaschine, in deren Schatten er sich eingerichtet hat – und pfeift als Darsteller genauso wie als Erzähler und Gelegenheitskomponist der eigenen Soundtracks auf zeitgeistige Moden und technische Mätzchen. Mehr als dreißig Filme hat Eastwood, der in einer Woche 90 wird, inszeniert. Darunter Meisterwerke wie „Erbarmungslos“ und „Million Dollar Baby“, die ihm beide einen Regieoscar einbrachten – und als „Bester Film“ ausgezeichnet wurden.

Auf eine belastbare These lässt sich Eastwoods Kino aber kaum bringen: Er drehte Western, Actioner, Polizei- und Kriegsfilme, aber auch Melodramen und Biografisches. Zumeist – aber nicht immer – sind Eastwood-Filme geradliniges Erzähl- und großes Schauspielkino. Letztlich steht aber jeder Film, die grandiosen genauso wie die einigermaßen gescheiterten, für sich. Und Clint Eastwood selbst steht als rebellischer Konservativer noch einmal woanders. Das wird bei der Lektüre von Kai Blieseners pünktlich zum runden Geburtstag des Stars erschienenen Buch „Clint Eastwood. Mann mit Eigenschaften“ bisweilen schmerzhaft spürbar. Bliesener trägt zusammen, was bereits über Leben und Werk der Ausnahmeerscheinung geschrieben wurde – und arbeitet sich so durch Eastwoods Biografie. Als einleitende Handreichung ist das durchaus interessant. Wirklich gerecht wird es aber weder dem Filmemacher noch den Filmen, die er machte. Und auch die Kontroversen, die manche Filme auslösten, der Streit um Don Siegels „Dirty Harry“ zum Beispiel, den man für seine ikonische Kraft und inszenatorische Schnörkellosigkeit lieben und als faschistoides Loblied auf Gewalt als Ausweg in einer kaputten Welt hassen muss, werden bestenfalls angerissen. Wobei Bliesener Pauline Kael, eine der wortgewandtesten Angreiferinnen des Films, prompt zur „Kritikerqueen“ der New York Times adelt, obwohl Kael vornehmlich im New Yorker gegen das allzu Populäre anschrieb.

Kai Bliesener macht keinen Hehl daraus, dass er ein Fan von Eastwoods Filmen ist. Selbst fragwürdigeren Eastwood-Filmen, „Hereafter“ zum Beispiel, trotzt er Lobenswertes ab. Bleibt dabei aber zumeist auf der Ebene des Anekdotischen: gute Darsteller, emotionale Geschichte. In die Tiefen analytischer Auseinandersetzung wagt er sich nicht. Das überlässt er denen, die er zitiert. Und er überlässt es Georg Seeßlen. Der hat seinen Essay „Eine amerikanische Ikone“ für Blieseners Buch überarbeitet. Auf wenigen Seiten gelingt Seeßlen Erstaunliches: Er stellt den Einzelgänger Eastwood in die Fluchtlinien der Filmgeschichte und macht Beziehungen sichtbar. Nicht nur zu Don Siegel und Sergio Leone, mit denen Eastwood gearbeitet hat, sondern auch zu John Ford, Howard Hawks und Preston Sturges. Auch die verstanden sich auf simple Storys, die sich amerikanische Mythen bewahrten, indem sie sie zerstörten. Auf ganz einfache Geschichten, die ungeheuer kompliziert sind.

Sachbuch Kai Bliesener: Clint Eastwood. Mann mit Eigenschaften. Schüren Verlag, 233 Seiten, 25,60 Euro.

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