Ein Herz für deinen Nächsten: Transplantationsarzt im Gespräch

Am 6. Juni war Tag der Organspende. Anlässlich dazu erklärte Stephan Eschertzhuber, Transplantationsreferent für Österreich West, Wissenswertes zum Thema, wie man Leben retten kann.

In Österreich wurden im abgelaufenen Jahr 720 Transplantationen durchgeführt.
© Eschertzhuber

Von Manuel Lutz

Welches Organ wird am häufigsten transplantiert?

Stephan Eschertzhuber: Von allen Organen transplantiert man die Niere am öftesten. Danach folgt die Leber „Dafür gibt es zwei Gründe. Jeder hat zwei Nieren, daher können pro Spender mehr Organe gewonnen werden. Es ist ein numerischer Grund. Zudem kann die Niere, gleich wie die Leber, bis ins hohe Alter transplantiert werden“, erklärt Eschertzhuber.

Die älteste Leber, die bislang in Österreich transplantiert wurde, war 91 Jahre alt. Nierenspenden werden, wenn die Organe geeignet erscheinen, bis zum 80. Lebensjahr akzeptiert. „Herz, Lunge oder Bauchspeicheldrüse wird in dieser Altersklasse nicht mehr benutzt.“

Primararzt Stephan Eschertzhuber ist für die Anästhesie und Intensivmedizin des Landeskrankenhaus Hall zuständig. Zudem ist Eschertzhuber der TX-Referent (Transplantation, Anm.) für Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Südtirol.
© Eschertzhuber

Neben dem Alter wird aber auch die Qualität beurteilt. „Nach der Entnahme erfolgen Untersuchungen im Labor. Je älter der Spender, des­to eher geht das Organ an ältere Empfänger.“

Wer sind die Organspender?

Eschertzhuber: Das durchschnittliche Spenderalter in Österreich ist auf 55 Jahre angestiegen, denn die typischen Organspender sind nicht mehr nur Verkehrsunfallstote, sondern auch ältere Menschen mit Schlaganfällen, Hirnblutungen oder einem Herzinfarkt. „Dies wird seit 1990 beobachtet. Damals lag das durchschnittliche Spenderalter für eine Leber bei 26 Jahren. 2016 war es bei 56 Jahren. Der Rückgang von Unfällen mit Verkehrstoten ist der Grund dafür“, weiß der Mediziner.

Aus diesem Grund befasste sich die Transplantationsmedizin damit, wie man mit älteren Spendern umgeht, um diese in Erwägung zu ziehen. „Durch die so genannte Ex-vivo-Perfusion können in Innsbruck Nieren und Leber bis zu 24 Stunden an einer Maschine durchblutet werden und somit am Leben gehalten werden. Dabei kann man sehr viel lernen und feststellen, ob die Organe geeignet sind. An der Maschine können sie auch verbessert werden.“

Damit wird der Empfänger vor einer Fehlfunktion bewahrt und eine sichere Transplantation gewährleistet. „Früher wurde ohne diese Möglichkeit der Überprüfung transplantiert.“

Ist jeder ein Organspender?

Eschertzhuber: In Österreich gilt die so genannte Widerspruchsregelung. Heißt, jeder ist Organspender, der nicht zu Lebzeiten einen Widerspruch artikuliert. Aktuell sind in das staatliche Widerspruchsregister 50.000 Menschen eingetragen, 9000 haben den Wohnsitz nicht hierzulande. „Wenn man sich das in Prozent ausrechnet, ist das quasi niemand.

Sollte eine Organspende möglich sein, wird aber natürlich mit den Angehörigen gesprochen und gefragt, was der Verstorbene gewollt hätte. Meistens wissen es die Menschen nicht, äußern jedoch eine Vermutung. Auf diese nehmen wir dann Rücksicht“, betont Eschertzhuber. In der Region West (Salzburg, Tirol, Vorarl- berg und Südtirol) durften 2019 von 39 potenziellen Organspendern 21 nicht verwendet werden.

In Deutschland gibt es beispielsweise die Zustimmungslösung. „In Deutschland werden daher pro einer Million Einwohner nur halb so viele Organe gespendet wie in Österreich.“ Bei Eurotransplant, einer Stiftung für den Austausch von Organen, wird daher genau geregelt, dass Länder erhaltene Organe später wieder zurückgeben müssen. „Sonst würden alle Organe aus Österreich in Deutschland landen.“

Transplantation in Österreich

Hierzulande hat die Organtransplantation Tradition. 1965 wurde erstmals eine Niere transplantiert, sieben Jahre später eine Leber.

In Innsbruck wurde zudem von Raimund Margreiter 1983 erstmals ein Herz transplantiert. „Im gleichen Jahr fand durch Professor Margreiter zudem die erste kombinierte Transplantation (Niere und Leber, Anm.) statt. Man erkennt, Innsbruck hat Geschichte“, sagt Eschertzhuber.

Transplantationen 2019

Im abgelaufenen Jahr wurden 720 Transplantationen in Österreich­ durchgeführt, 213 davon in der Region West. „Auf der Warteliste (Stichtag 31.12.2018, Anm.) standen 826 Patienten, damit gab es über 100 Transplantationen zu wenig“, rechnet der Experte vor. Zwischen einem und neun Prozent – je nach Organ – der Patienten, die auf Wartelisten stehen, versterben. In Tirol warteten 2019 etwa zehn Patienten vergeblich auf eine Leber, zwei auf ein Herz und einer auf eine Lunge.

Sind Patienten auf der Warteliste, haben sie im Durchschnitt 7,2 Monate Zeit für die Transplantation. „Wir hätten dies leicht verhindern können. Wir hätten das Potenzial, den Organbedarf zu decken, würden die Angehörigen einwilligen. Einem Spender können bis zu sieben Organe entnommen werden.“

Vor allem in den vergangenen Monaten gingen die Spender durch die Corona-Krise deutlich zurück. „Im Jänner waren es elf, im Februar zwölf. Im März dann nur vier und im April zwei. Natürlich haben die Leute durch den Shutdown ihr Leben einschränken müssen. Aber oft wird aufs Organspenden vergessen. In manchen Krankenhäusern wird es als Fleißaufgabe angesehen. Dabei ist es überlebenswichtig – aber für andere Patienten.“ Bei Nieren, Leber und Lunge ist auch eine Lebendspende möglich. „Dabei wird z. B. ein Teil der Leber entnommen und zumeist Kindern eingesetzt.“

Lebensdauer nach Spende?

Nach einer Herztransplantation leben rund 70 Prozent der Patienten nach zehn Jahren noch, bei der Leber sind es 65 Prozent. „Überlebt man diese zehn Jahre, sind die nächsten auch kein Problem.“


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