„Dirty Harry“ wird 90: Der ewige zweite Frühling des Clint Eastwood

„Dirty Harry“ feiert heute seinen 90. Geburtstag und blickt auf ein erfolgreiches Film-Leben zurück, das er einst als Spaghetti-Western-Held begann.

Filmreifes Leben: In „Ein Fressen für die Geier“ mimte Eastwood den Revolverhelden Hogan. Heute ist er mehrfacher Oscar-Preisträger.
© ORF, AFP

Von Ludwig Heinrich

Wien, Los Angeles –Es gibt diverse große Künstler, denen man zu Recht bescheinigte, sie würden eben einen zweiten Frühling erleben. Für einen gilt das nicht, nämlich für Clint Eastwood. Denn der hat seinen zweiten Frühling mindestens schon zehnmal erlebt. Heute feiert er seinen 90. Geburtstag. Kaum zu glauben, aber laut seiner Geburtsurkunde eine Tatsache.

Unser erstes Zusammentreffen fand im Jänner 1968 statt, in der Bar des Hotels Bristol in Salzburg. An verschiedenen Schauplätzen im Salzburger Land ließ Metro Goldwyn Mayer damals den Agententhriller „Where Eagles Dare“ (deutscher Titel: „Agenten sterben einsam“) drehen, mit Richard Burton in der Hauptrolle. Die Produktionsfirma hatte zu einem Meeting mit dem Star eingeladen, aber Mister Burton ließ sich nicht und nicht blicken.

Der Produktionschef, schon leicht verzweifelt, schlug daher vor: „Wisst ihr, was? Ich schick’ euch den Langen. Der redet zwar nicht viel, ist aber ein sehr netter Kerl.“ Der Lange: Burtons Hauptpartner Clint Eastwood, mittlerweile mehrfacher Oscar-Preisträger und nicht nur exzellenter Schauspieler, sondern auch hochgeschätzter Produzent, Regisseur und sogar Sänger und Filmkomponist.

In den 70er-Jahren spielte er mit seiner damaligen Freundin Sandra Locke (u. l.) und hielt sich für Dreharbeiten häufig in Europa auf.
© AFP

Vor „Agenten sterben einsam“ hatte sich der Kalifornier aus San Francisco mit der Serie „Rawhide“ einen Namen gemacht. „Zu dieser Hauptrolle“, erzählte er im Bristol, „war ich durch Zufall gekommen. Ich besuchte in den VBS-Studios einen Freund. Dort sah mich einer der Studiochefs und sagte: ‚Du siehst aus wie ein Cowboy, ich habe eine Rolle für dich.‘ Kurz darauf war ich engagiert, und von dieser Western-Serie entstanden 117 Episoden.“

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Der Western blieb auch in der Folge sein Schicksal, als ihn Regisseur Sergio Leone für den Italo-Western und Filme wie „Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“ entdeckte und ihm lächerliche 15.000 Dollar als Gage bezahlte. Überraschendes Geständnis in Salzburg: Die berühmten Zigarren in den Spaghetti-Western waren Virginier made in Austria: „Mir waren sie in einem Laden in Beverly Hills aufgefallen, weil sie so schön handgemacht wirkten. Außerdem ließen sie sich ideal in drei Teile schneiden, weil ich in den Filmen ja immer nur Stummel in den Mundwinkeln hatte.“ Ob die wenigstens geschmeckt haben? „Weiß ich nicht“, grinste Clint, „sie landeten nach jeder Szene im Staub. Ich bin Nichtraucher.“

13 Jahre später war er in Wien für sein Projekt „Firefox“, in dem er einen Agenten mimte. Einen, der aber nicht einsam stirbt, sondern der den Russen eine neue Geheimwaffe abluchst. Wien war jedoch nicht als Wien zu sehen, sondern als Moskau, und Zeltweg, ein weiterer Schauplatz, sollte Sibirien sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Clint Eastwood als „Dirty Harry“ schon eine weitere Erfolgsgeschichte geschrieben.

Auf die Frage, ob es in seinen Filmen nicht oft sehr gewalttätig zugehe, antwortete er gelassen: „Gewalt? Gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte. Gibt es in der Weltliteratur. Wenn ich einen Film plane, ist für mich die Hauptfrage: Folgt die Story der Realität – oder folgt die Realität einer Filmstory? Die Wirklichkeit ist oft viel grausamer als jede Kinogeschichte. Unsere Welt ist nun einmal kein besonders gemütlicher Ort!“

Zeitnah zu „Firefox“ entstand auch „Mit Vollgas nach San Fernando“. Action pur, mit einem der längsten Zweikämpfe der Kinogeschichte, der auf dem Hauptplatz der Stadt Jackson Hole in Wyoming beginnt, sich durchs gesamte Zentrum zieht – und beinahe alle Einwohner sind letztlich in die Keilerei involviert.

Regisseur Buddy Van Horn, so wurde berichtet, schwitzte Blut, denn: „Die beiden schlugen im Verlauf ihrer Auseinandersetzung alles, was ihnen in den Weg kam, kurz und klein, und sie waren so leidenschaftlich bei der Sache, dass wir aufpassen mussten, dass nicht der gesamte Stadtkern total zerstört wurde. Um das zu verhindern, bauten wir etwas Country-Musik ein. Einen Song, ‚Beers To You‘, sang sogar Clint selber – gemeinsam mit Ray Charles.“

Ein weiteres Treffen fand im Rahmen der Berlinale 2007 statt. Eastwood hatte außer Konkurrenz seinen Film „Letters From Iwo Jima“ gezeigt, wo die Weltkriegs-Schlacht um die japanische Insel aus japanischer Sicht gezeigt wurde. Eastwood: „Vorher hatte ich ja in ‚Flags Of Our Fathers‘ die damaligen Geschehnisse aus US-Sicht gezeigt. Beide Male wollte ich falsches Heldentum vermeiden. Meine persönlichen Helden suche ich lieber woanders. Unlängst etwa sah ich in den TV-News einen Feuerwehrmann, der auf dem Weg nach Hause an einem brennenden Auto vorbeikam, stehen blieb und den hilflosen Insassen rausholte. Solche Menschen sind für mich wirkliche Helden.“

Clint Eastwood hat acht Kinder, darunter Kyle, Alison und Scott.
© AFP

Über die Heldenbilder seiner Jugend sagte er: „Ich verehrte den Boxer Joe Louis, die Generäle Patton und Eisenhower sowie den Kollegen Gary Cooper. Heutzutage geht man mit dem Begriff ‚Star‘ viel zu sorglos um. Du brauchst nur Erbin einer Hotelkette zu sein, und schon bezeichnen sie dich als ‚Star‘.“ Er selbst möchte keiner sein: „Star? Was ist das schon? Beim Film ist die Story der Star. Und wenn die Geschichte schlecht ist, kann sie auch der verlässlichste Kassenmagnet nicht aus dem Feuer holen.“

2010: „Space Cowboys“ beim Festival in Deauville. Eine abenteuerliche Weltraum-Story. Die 22. Regiearbeit von Clint Eastwood, eine seiner erfolgreichsten Produktionen. Er war mit seinen Stars Tommy Lee Jones, James Garner und Donald Sutherland in die Normandie gekommen. Alle drei glücklich, dabei gewesen zu sein. Garner: „Eigentlich war ich schon viel zu müde für ein so großes Projekt. Aber was machst du, wenn ein Clint Eastwood anruft? Da springst du aus deinem Schaukelstuhl und läufst und läufst und läufst.“

Interessantes wusste Tommy Lee Jones vom Arbeitsstil seines Regisseurs zu berichten: „Er ist bekannt dafür, dass er eine Szene nie gerne mehr als zweimal dreht. Dieser Bursche beginnt ungern vor elf Uhr, und schon um 15 Uhr will er Schluss machen. Wenn wir dennoch bis 16 Uhr weiterarbeiten, hatten wir das Gefühl, ein Zwei-Tage-Pensum geschafft zu haben …“ Zeitnah zu „Space Cowboys“ präsentierte Clint Eastwood in London seine Nelson-Mandela-Saga „Invictus“ mit Morgan Freeman und Matt Damon. Vor dieser Regiearbeit hatte Eastwood gar nicht so viel über Mandela gewusst: „Erst ein Besuch in seiner ehemaligen Zelle auf Robben Island machte mir klar, welches Kaliber dieser Mann war.“

Mit Corona-bedingter Verspätung kommt demnächst sein Opus „Der Fall Richard Jewell“ – Thema: mehr Angst vor dem Staat als vor Terror – in die Kinos. Schon tauchte wieder die Frage auf, ob das sein allerletzter Film sein würde. Was müsste geschehen, dass dies der Fall wäre? „Das kann ich exakt beantworten. Jemand müsste mir eine Pistole an die Schläfe halten und mich dazu zwingen.“


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