Intensivmediziner Likar: „Covid-19 darf keine VIP-Krankheit sein“

Covid-19 bekam auch im Gesundheitssystem absoluten Vorrang. Das darf nie mehr passieren, betont der Kärntner Corona-Koordinator Rudolf Likar.

Zu Beginn der Pandemie mussten sich Österreichs Intensivstationen erst selbst vernetzen.
© Böhm Thomas

Von Elke Ruß

Klagenfurt –Covid-19 als alles beherrschende Krankheit, der sich das ganze Land samt Wirtschaft, öffentlichem Leben – und Gesundheitsversorgung – unterzuordnen hat. „So etwas darf uns nicht noch einmal passieren“, resümiert der Intensivmediziner und Corona-Koordinator für das Bundesland Kärnten, Rudolf Likar. „Auch Brad Pitt mit Corona darf keinen Unterschied machen zu einem Hansi Meier mit Gehirnschlag.“

Die erste Phase des Lockdowns hält Likar für richtig, er kritisiert aber die Angstmache der Regierung. Die Bilder aus Bergamo und das Schreckensszenario von 100.000 Toten in Österreich hätten nicht nur das Volk, „sondern auch uns im Gesundheitswesen in Schockstarre versetzt“. Es sei nicht gesagt worden, dass die Lage in Österreich ganz anders ist als in der Lombardei: In Italien gibt es laut OECD-Bericht 16 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner, in Österreich aber 29. „Das sind andere Voraussetzungen.“ Allein das (wenig betroffene) Kärnten habe für 80 stationäre Covid-19-Patienten 700 Betten vorgehalten. Mangels Intensivplan hätten sich die heimischen Intensivmediziner auch erst selber vernetzen müssen.

Rudolf Likar (Intensivmediziner & Corona-Koordinator): „Auch Brad Pitt mit Corona darf keinen Unterschied machen zu einem Hansi Meier mit Gehirnschlag.“
© Gleissfotos

„Nach der Schockstarre hätte man gegenregulieren müssen und nicht alle chronischen Patienten aus dem Krankenhaus und niedergelassenen Bereich fernhalten“, betont Likar. Zumindest Operationen, bei denen anschließend kein Intensivbett gebraucht werde, hätte man weiter durchführen müssen.

Die Folgen unterbliebener Behandlungen für Tausende Patienten müsse man erst aufarbeiten. Eine bedenkliche Zahl ist schon bekannt: Im April 2020 seien 200 Menschen mehr gestorben als im April 2019. Die Hälfte dieser Übersterblichkeit sei nicht Corona-assoziiert.

Ob ein Patient infektiös ist, soll noch vor dem Betreten eines Krankenhauses geklärt werden.
© APA

Lehren und Forderungen aus der Pandemie für das Gesundheitssystem: Die fasst Likar mit Altersmediziner Georg Pinter und dem Psychologen Herbert Janig im Buch „Bereit für das nächste Mal“ zusammen. Und das nächste Mal wird kommen: Sei es eine weitere Corona-Welle, ein neues Grippe-Virus oder ein anderer hochinfektiöser Erreger – mit Pandemien ist zu rechnen.

Likar fordert deshalb, dass Spitäler die wegen Corona aufgebauten Schleusen beibehalten sollen. Die Triage in „infektiös/nicht infektiös“ vor „blutig/unblutig“ verhindere, dass Ambulanzen und Stationen zu Ansteckungsherden werden. „Fieber messen, Anam­nese, Schnelltest“, lautet das Procedere, bevor jemand ein Krankenhaus betritt. „Das ist in einer Stunde fertig.“

Für Notfälle habe man den Corona-Schutzraum. Auch der solle bleiben, denkt Likar an andere infektiöse Notfälle wie Patienten mit schwerer Grippe. „Corona wird uns begleiten wie die Influenza.“ In Österreich seien aber nur acht Prozent gegen Grippe geimpft, beim Gesundheits­personal bloß 15 Prozent. „Das ist fahrlässig“, fordert er die Impfpflicht zumindest in Gesundheitsberufen. „Sie sind sonst die Superspreader.“

Selbst wenn es eine Covid-Impfung gibt, können nicht alle geschützt werden. Ob Corona, Grippe, Masern oder Krankenhauskeime: Jedes Spital oder zumindest jede Region sollte Infektstationen bekommen mit Kapazitäten vom Normal- bis zum Intensivbett. Durch die Ausbildung von Covid-Ärzten bzw. Infektiologen und Virologen müsse man auch Personalressourcen aufbauen. „In ruhigen Zeiten können die forschen.“

Die in der Krise besonders betroffenen Altenheime sollten mit Isolationsräumen bzw. Influenzabetten ausgerüstet werden, in denen ansteckende Patienten betreut werden können. „Man kann alte Menschen nicht sieben, acht Wochen isolieren“, betont Likar. Es dürfe auch nicht mehr sein, dass Palliativteams der Zutritt verwehrt wird, aus Angst, dass sie Coronaviren ins Heim tragen.

Ein Frühwarnsystem – ob bundes- oder EU-weit – müsse Infektionsströme beobachten. Österreich brauche auch endlich einen Pandemieplan und müsse Lager aufbauen, damit Schutzmasken und -kleidung, Handschuhe und Desinfektionsmittel in ausreichendem Maß abrufbar sind. Auch jede Hausarztpraxis brauche Material für drei Wochen. Die praktischen Ärzte müssten aufgewertet werden, wettert Likar, dass zwar die Bürgermeister, nicht aber die Hausärzte über Corona-Infizierte im Ort informiert wurden. Zudem sollte die Telemedizin ausgebaut werden.

Den Mund-Nasen-Schutz hält auch Likar jetzt für weitgehend verzichtbar, Handhygiene und Abstandsregeln nicht. Jeder Einzelne sei auch gefordert, sein Immunsystem zu stärken, vor allem durch Bewegung und richtige Ernährung. „Die Bürger müssen Eigenverantwortung übernehmen“, plädiert er für mehr „Selbstschutzkompetenz“ und wieder für „Schritte hin zur menschlichen Freude“.

Buchtipp

Bereit für das nächste Mal – Wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen.

Rudolf Likar, Georg Pinter, Herbert Janig; edition a, 176 Seiten, 22 Euro.

ISBN: 978-3-99001-422-6


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