Lady Gaga meldet sich zurück: Traumata in der Kinderdisco

Eurodance statt Lagerfeuergitarre: Lady Gaga meldet sich mit ihrem neuen Album „Chromatica“ und krachendem Elektropop zurück. Aber hilft Tanzen gegen seelische Probleme?

Lady Gaga als Endzeitkriegerin, in „Chromatica“ kämpft die Sängerin gegen eigene Schwächen an.
© Schoerner

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck –Welche Rollen die Gaga bereits gab? Sie war schon der Freak im Fleischkostüm, die Musikerin, die solo am Klavier überraschte, die große Diva, die jede Gala mit einer Prise Exzentrik adelt. Im Reboot des großen Hollywoodstoffes „A Star Is Born“ kristallisierten sich alle Facetten zu der einen Rolle ihres Lebens: der Weg von der Sängerin von nebenan zum gefeierten Popstar.

Das ist heute alles so 2018 – jetzt meldet sich Lady Gaga als Endzeitkriegerin zurück. In diese Rolle schlüpft die talentierte Verwandlungskünstlerin (geborene Stefani Germanotta) für ihr nunmehr sechstes Album „Chromatica“, das am Wochenende erschien. Es ist ihre erste Pop-Platte seit sieben Jahren.

Mit „Artpop“ hatte die US-Amerikanerin ihre Fans zuletzt 2013 auf die Tanzfläche gelockt, in ihrem letzten Album „Joanne“ (2016) gab’s Gitarrenpop und Lagerfeuer­knistern, bei „Cheek to Cheek“, das sie 2014 gemeinsam mit dem 93-jährigen Entertainer Tony Bennett veröffentlichte, darf zu Big-Band-Klängen im Abendkleid höchstens keck geschunkelt werden. Umso härter schlägt deshalb wohl auch die neue Platte von Lady Gaga ein: Klarer Elektropop blitzt hier aus jeder Note.

Es kracht, flirrt und klappert

Quasi nahtlos schließt sie damit an Kracher wie „The Edge of Glory“ (vom Hitalbum „Born This Way“ 2011), „Paparazzi“ oder „Bad Romance“ (vom noch erfolgreicheren Debüt „The Fame Monster“, 2009) an. Die Eigenständigkeit dieser Nummern sucht man in den 16 Tracks von „Chromatica“ allerdings vergebens.

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Auf der aktuellen Platte kracht, flirrt und klappert es zwar 43 Minuten 8 Sekunden lang, der Sound wurde aber auch einförmiger. In „Chromatica“ regiert der Eurodance, sprich: Der Beat kann Aerobic-Stunde ebenso wie Kinderdisco. Und bei Lady Gaga wird mit etwas Autotune in auf dem Reißbrett komponierten Melodien der House (elektro-)popfähig gemacht. Partyhit folgt auf Partyhit, der Refrain von „Rain on Me“ (eine Zusammenarbeit mit Kollegin Ariana Grande) oder „Stupid Love“ bohrt sich durch den Gehörgang ins Hirn – und will da auch so schnell nicht mehr raus. Nur die für ein Pop-Album typische große Ballade fehlt.

Umso dicker aufgetragen hat das Management in puncto Konzept und Storytelling (auf Spotify kuratierte die Sängerin etwa eine Reise durch das Album samt Manifest). Optisch ist sie mit Plastikrüstung, Nieten und Neonfarben zum „kindness punk“ transformiert. Im Stechschritt geht’s damit durch „Chromatica“, in der Single „Stupid Love“ etwa postapokalyptische Landschaft betretbar.

„My biggest enemy is me“

Und dann wird’s doch ernst: Mit jedem Song kämpft Lady Gaga gegen andere Traumata an: In „911“ singt sie über ihre Beziehung zu sich selbst, die sich auch durch die Einnahme von Antipsychotika regelt. „My biggest enemy is me“ tönt es dunkel. „Replay“ sowie „Fun Tonight“ handeln von der inneren Zerrissenheit von Germanotta und ihrer Künstlerin-Persona. Kein großer Spaß: „I’m not having fun“, heißt es dort, während der Bass zum Shaken auffordert. Tanzen gegen seelische Probleme? Sonderlich tiefgründig ist das nicht, aber die Message kommt an.

Natürlich auch jene von „Plastic Doll“ oder „Free Woman“, in denen sich Lady Gaga von Klischees und Vorurteilen freimacht. Den freundlichen Mittelfinger zeigt sie uns schließlich in „Sour Candy“, wo sie mit der K-Pop-Group „I’m super psycho“ trällert.

In den Neunzigern schrie man noch apathisch „I got the power!“, bei Lady Gaga ist wieder Message auf dem Dance­floor erwünscht. Alles in allem also nicht nur stumpfes Gestampfe.

Pop Lady Gaga: Chromatica. Interscope/Universal Music.


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