Mit der Stimme im Job überzeugen: Kinderlieder können helfen

In den vergangenen Wochen haben viele gemerkt, wie wichtig die Stimme im Beruf ist. Dass das Summen von Kinderliedern dabei helfen kann, die Stimme zu stärken, erklärt die Sprechtrainerin Verena Covi im Gespräch.

Mit bewusst eingesetzter Stimme und Sprache kann man ein Gespräch erfolgreicher gestalten, sagt die Sprechtrainerin Verena Covi.
© Getty Images

Gerade wenn viel über Skype oder Telefon kommuniziert wird, kommt es darauf an, wie sich Menschen anhören. Wie wichtig ist eine gute Stimme im Job?

Verena Covi: Ich denke, die Ressource Stimme und Sprache ist auf jeden Fall ein Beitrag, um ein Gespräch erfolgreicher zu gestalten. Wir alle kennen Vorträge, Seminare oder Reden, bei denen der Inhalt zwar ansprechend war, aber der Sprecher diesen einfach nicht vermitteln konnte. Wenn sich etwa Experten auf der Uni zu einem Thema unterhalten, ist es meist wahnsinnig spannend, aber anstrengend zuzuhören. Dann kann der beste Inhalt schwierig transportiert werden. Ist man eine Koryphäe, dann nimmt man das in Kauf. Will man seine Karriere aufbauen und ist begabt auf seinem Gebiet, dann will man auch den Inhalt rüberbringen. Und wie schafft man das? Durch die Stimme und die Sprache. Das sind Werkzeuge, die wir alle besitzen, aber nicht entwickelt haben, sie nicht bewusst einsetzen.

Wie nutze ich meine Stimme, um in meiner beruflichen Rolle, etwa beim Meeting, Bewerbungsgespräch oder bei der Gehaltsverhandlung zu überzeugen?

Covi: Jedem Gespräch liegt eine Stimmung zugrunde, das Wort Stimme steckt ja bereits in Stimmung. Und die Stimme ist sehr sensibel und transparent. Als Beispiel: Man ruft seine Freundin an, sie sagt nur „Hallo“ und man weiß sofort, wie es ihr geht. Jetzt gehe ich in eine Gehaltsverhandlung hinein und habe schon eine dementsprechende Stimmung. Die Stimme hat gar keine Chance, anders zu klingen. Das heißt, ich muss an meiner Grundstimmung arbeiten. Denn: Wir sind das Gefäß unserer Stimme. So können die Körper-und Kopfhaltung und auch die Augenbewegungen mich unterstützen, die Stimmung zu beeinflussen. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber gerade Schultern, eine aufrechte Haltung, ein guter Stand und ein inneres Lächeln machen einen großen Unterschied.

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Haben Sie neben der Körperhaltung einen weiteren Tipp, um gut durch ein Gespräch zu kommen?

Covi: Man kann schon mit Kleinigkeiten optimieren. Was machen etwa Sportler, bevor sie in einen Wettkampf gehen? Aufwärmen. Was machen Musiker vor einem Konzert? Einspielen. Und was machen wir Sprecher? Nichts. Gut wäre es also, sich vor einer Rede oder einem wichtigen Gespräch etwa zehn Minuten zurückzuziehen und laut zu sprechen. Beispielsweise das, was man sprechen möchte, ein Gedicht, ein Kinderlied oder das Telefonbuch vorzulesen. Die Stimme muss sich aufwärmen, das ist eigentlich ganz logisch. Wir betreten ja bei einem wichtigen Gespräch eine Bühne, mit einem imaginären Scheinwerferlicht. Ich kann nicht von meinem Schreibtisch aufstehen und direkt auf eine Bühne gehen. Wenn man das mit dem Theater vergleicht: Der Schauspieler geht in die Maske, zieht sein Kostüm an, wärmt die Stimme auf und geht erst dann auf die Bühne. Und das kann ich auch einem Sprecher nur empfehlen.

Wie stärke ich meine Stimme gezielt für den Job?

Covi: Jede Stimme ist entwickelbar. Sänger haben ein Talent, aber selbst sie müssen ihre Stimme entwickeln. Die Stimmübungen sind im Training recht einfach. Das sind Summübungen, die das Stimmband stärken. Die Stimme wird mit der Zeit größer. Man muss aber auch richtig summen. Sich hinstellen und mit Kraft und Gewalt zu summen, ist kontraproduktiv. Besser: Kinderlieder oder Lieder summen, und zwar ganz sanft und leicht, das massiert das Stimmband, wärmt es auf und befreit es von Schleim.

Erinnern Sie sich an ein einprägsames Beispiel aus Ihrer Erfahrung als Sprechtrainerin?

Covi: Vor Jahren war eine Frau bei mir im Stimmtraining. Sie hat mich angerufen und mir gesagt, dass sie das Unternehmen ihres Vaters übernimmt, das zu 90 Prozent männlich besetzt ist. Natürlich hat man sofort ein Bild von der Stimme. Ich habe gedacht, dass sie ein Mädchen ist, aber es war eine junge Frau mit einer Mickey-Maus-Stimme. Und dann kommt sie zu mir und ist eine Erscheinung, mindestens 1,75 m groß mit wallendem blondem Haar. Doch die Frau wusste: Sie kann noch so studiert sein und viel am Kasten haben, wenn sie mit dieser Stimme spricht, wird sie von den Männern im Meeting nicht ernst genommen. Dann haben wir ein Jahr an der Stimme gearbeitet. Im beruflichen Kontext weiß sie mittlerweile, dass sie ihre Stimme absenken und diesen tieferen Bereich, den wir erarbeitet haben, ausnützen muss. Das ist ein zusätzlicher Tipp, der schnell geht: Einfach tiefer zu sprechen. In der Tiefe liegt die Kraft, in der Musik auch. Die Bässe setzen sich durch.

In einer Studie konnten Wissenschafter zeigen, dass das Sprechtempo großen Einfluss auf die Überzeugungskraft hat. Wie schnell oder langsam sollte man sprechen?

Covi: Das Wichtigste ist immer, dass man den Zuhörer nicht verliert. Ich vergleiche das mit der Musik, da gibt es große und kleine Töne, schnelle und langsame Tempi. Ich denke, dass das Temperament und die Leidenschaft diese Mischung ausmacht.

Und wie wichtig sind bewusst eingesetzte Pausen?

Covi: Manchmal braucht mein Gegenüber mehr Zeit, um die Informationen einzuordnen. Und da ist es wichtig, dass ich genau hinschaue. Dann sehe ich, wann mein Gesprächspartner die Pause benötigt. Pausen sind Gelegenheiten zum Mitdenken. Privat funktioniert es: Wenn wir mit dem Partner sprechen, dann machen wir mitten im Satz eine Pause und schauen, ob die Botschaft angekommen ist oder ob wir noch etwas nachschieben müssen. Privat können wir das, aber auf diesen Bühnen herrschen andere Gesetze. Und diese Gesetze muss man kennen lernen, um sie natürlich einzusetzen: richtiges Atmen, Pausen, Sprechtempi. Wir sind alle sehr inhaltslastig, das ist auch gut. Aber die Verpackung gehört ebenfalls dazu. Wie beim Skifahren braucht man auch beim Sprechen die richtige Ausrüstung. Je besser die Ausrüstung, umso besser fahre oder spreche ich.

Das Gespräch führte Nina Zacke


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