Telerehabilitation: So kann die Therapie aus der Ferne klappen

Ob Physio, Ergo oder Logopädie — für das Training müssen sich Therapeut und Patient nicht persönlich treffen. Doch der Weg zur erfolgreichen Telerehabilitation ist noch lang.

Training vor der Kamera: Der Therapeut gibt dem Patienten über Video Anweisungen, wie er seine Übungen machen soll.
© VASCage/ Brugnara

Von Jasmine Hrdina

Innsbruck — Die Situation war dramatisch. Von einem Tag auf den Nächsten kam Mitte März der Shutdown — und verdammte auch die Therapiezentren zum Nichtstun. „Wir konnten unsere Patienten wochenlang nicht versorgen", schildert Barbara Seebacher, Physiotherapeutin und Forscherin in Innsbruck. Nicht einmal Schlaganfallpatienten konnten physio-, ergotherapeutisch oder logopädisch behandelt werden. „Viele Kollegen haben alles mögliche versucht", so die Seebacher. Das Gesundheitsministerium reagierte, indem sie erstmals Telrehabilitation — also Therapien mittels Video-Telefonie, spezieller Geräte und dazu passenden Computerprogrammen — legitimierte. Wenn alle Vorkerungen getroffen sind kann dies eine Chance für die Patienten sein, doch viele Therapeuten begegneten dieser Option bisher mit Skepsis.

Wie offen sie dafür sind scheint je nach Bildungsgrad und Geschlecht zu variieren , wie aus einer Studie des Innsbrucker Schlaganfall-Forschungszentrums VASCage hervorgeht. 82 Therapeuten im Alter zwischen 22 und 59 Jahren wurden Anfang des Jahres über ihre Haltung der Tele-Reha gegenüber befragt.

Schwellenangst verringern

Mit dem Ergebnis, dass an manchen Klischees viel Wahrheit haftet: Die höchste Bereitschaft, digitale Systeme mit Videofunktion für die Arbeit mit den Patieten zu nutzen zeigten junge männliche Studienteilnehmer mit einem hohen Bildunsgrad. Generell waren jüngere und höher ausgebildete (Hochschule) Befragte positiver eingestellt. „Ich glaube, dass diese Gruppe über bessere technologische Fähigkeiten verfügt. Die Schwellenangst ist damit geringer. Sie wollen sich weiterentwickeln und sehen es als willkommene Herausforderung, Neues zu lernen", vermutet VASCage-Studienleiterin Barbara Seebacher.

Was aber, wenn es gar keine anderen Möglichkeiten als die Video-Variante aus der Ferne gibt? Ob sich die Meinung des mediziischen Personals seit dem Corona-Shutdown verändert hat, soll nun eine zweite Erhebungsrunde zeigen. Seebacher selbst habes chon mit Patienten über den Computer gearbeitet. Das größte Problem dabei: Die Bilder sind zweidimensional. „Ich habe einen Mann von seinem Sohn und seiner Frau von vorne und von der Seite filmen lassen, um Feedback geben zu können. Das hat erstaunlich gut funktioniert." Allerdings waren das grobmotorische Bewegungen, sagt die Therapeutin.

"Gute Ergänzung zur herkömmlichen Therapie"

Wenn es um Winkel und Feinmotorik gehe, reiche eine Kamera alleine nicht aus. Sensoren und dazu passende Programme — wie man sie auch von Spielekonsolen kennt — seien bei uns kaum verbreitet. Generell ist es Voraussetzung, dass der Patient über einen Computer, eine Kamera und vor allem das technische Wissen verfügt.

„Die Telerehabilitation ist eine gute Ergänzung zur herkömmlichen Therapie, etwa um die Therapiefrequenz zu steigern, die Eigenverantwortung und Autonomie der Patienten zu erhöhen und damit das Therapieresultat zu verbessern. Sie ist aber keineswegs als Ersatz für die übliche Therapieform mit direktem zwischenmenschlichen Kontakt und manueller Behandlung zu sehen", resümiert die VASCage-Forscherin.

Gründe dafür haben psycholigische Hintergründe, meint Christoph Puelacher, Lungenfacharzt in Telfs und ärztlicher Leiter der ambulanten Reha in Innsbruck. Seit 1. Juni läuft dort der Betrieb schrittweise wieder an. „Der Kontakt zum Therapeuten ist wichtig, damit die Patienten auch weiter machen", meint der Mediziner.

Datenschutz als große Hürde

Dieser sorge nicht nur für die notwendige Motivation, er stelle auch sicher, dass die Übungen korrekt ausgeführt werden. „Man sagt dem Patienten immer dasselbe, bis er es richtig macht. Aber auch wenn ein Golfer die Platzreife hat, wird er immer wieder zu seinem Trainer kommen und darum bitten, ihm das eine oder andere noch einmal zu zeigen." Er kenne das auch vom Atemtraining, für das es sehr viel Übung und Erfahrung brauche. „Wenn es nicht funktioniert, ist man frustriert und macht nicht weiter."

Die größte Hürde der digitalen Reha sieht Puelacher im Datenschutz. Wer garantiert, dass niemand die Informatinen der Patienten abgreift? Wer nimmt wie oft an welchen Programmen teil und welche Erkrankungen liegen zugrunde — alles Dinge, die nicht nur Versicherungen interessieren könnten, meint er. „Es kann nicht sein, dass mein Patient in Wien sitzt und ich sage: Wenn du deine Übung nicht machst, erhältst du soziale Minuspunkte und darfst im Zug nur noch dritte Klasse fahren."

Prinzipiell begrüße Puelacher aber die Telerehabilitation, wenngleich es für ihn wichtiger scheint, zuerst die ambulante Rehabilitation im ganzen Land auszubauen.


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