Bachmann-Gewinnerin Schubert: „Bin starke Formbeachterin“

Kurz nach der virtuellen Verleihung des Bachmann-Preises zeigte sich die 80-jährige deutsche Preisträgerin Helga Schubert im Telefonat mit der APA „überglücklich und dankbar“ über die Zuerkennung eines Preises, der bereits 1980 für die damals in der DDR lebende Autorin „sehr wichtig“ gewesen wäre. Damals durfte sie jedoch nicht ausreisen. Für sie ist es eine Rückkehr in den Literaturbetrieb.

Auch Schubert selbst sei nach ihrer Lesung langsam bewusst geworden, dass sie wohl zu den Favoriten für den Hauptpreis zählte, wie sie im Telefonat erläuterte. Nach den vorangegangenen, sehr kontroversen Diskussionen hatte sie befürchtet, dass sich die Jury auch bei ihrem Text „Vom Aufstehen“ Kämpfe liefern würde. Sie habe Angst gehabt, dass man sich an ihr abarbeiten werde, was jedoch schließlich nicht der Fall war. „Ich habe mich so gefreut, dass Fachleute den Text sehr positiv bewerten“, so Schubert. Was sie allerdings „gewundert“ hat, war die Zuschreibung des Autobiografischen. „Das ist eigentlich kein autobiografischer Text. Es ist ja alles Material“, verweist sie etwa auf ihre Kollegin Friederike Mayröcker, die ebenfalls aus dem Material ihres Lebens schöpfe und „das, was sie in der Seele hat, kondensiert.“ So sei es auch bei ihr. Sie sehe sich auf jeden Fall als Schriftstellerin.

Dass sie gewinnen könnte, habe sie irgendwie gespürt. „Ja, ich hatte die Hoffnung. Sonst hätte ich nicht heute in der Früh noch einmal diesen Bachmann-Satz herausgeschrieben, den ich dann vorgelesen habe“, schmunzelt die Autorin. Ihr Bachmann-Text ist übrigens ein Kondensat aus einem Erzählband, an dem sie gerade arbeitet. Als Insa Wilke sie gefragt habe, ob sie für die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur einen Text einreichen wolle, habe sie aus dem bisher Geschriebenen, das aus lauter etwa fünfseitigen Texten besteht, etwa 60 Seiten herausgenommen, die sie im Anschluss noch einmal auf das Bachmann-Preis-Format von rund zehn Seiten eingedampft habe. „So, wie dieser Text jetzt ist, wird er nicht im fertigen Buch stehen“, so die Autorin, die nach ihrer Lesung bereits von einer Agentur und einem „großen, seriösen deutschen Verlag“ kontaktiert wurde.

„Ich baue Texte wie Mathematik, es sind lauter kleine Bausteine“, so Schubert. Als Juror Philipp Tingler in der Diskussion gesagt hat, dass ihm die Psychologie fehle, hätte sie gerne widersprochen und ihm mitgeteilt, dass sich diese Psychologie sehr wohl im ursprünglichen Text wiederfindet. Der Arbeitstitel für das neue Buch lautet „Übung in Distanz“ und sei „nicht autobiografisch, darauf möchte ich bestehen“. Sie habe vor den Gesetzen der Prosa „sehr viel Respekt, die beachte ich auch“. Nachsatz: „Ich bin eine starke Formbeachterin. Ich bin jemand, der auch im Schriftlichen genau weiß, was er tut.“

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Als es coronabedingt hieß, das Wettlesen werde abgesagt, sei sie sehr traurig gewesen. „Ich habe befürchtet, dass ich im kommenden Jahr nicht mehr eingeladen werde.“ Als es dann doch mit der digitalen Ausgabe klappte, sei sie sehr erleichtert gewesen. So sei es ihr auch möglich gewesen, bei ihrem pflegebedürftigen 93-jährigen Mann zu bleiben. „Ein Schutzengel hat über mir geschwebt“, lacht die Autorin. „Ich habe noch nie ein iPad gehabt“, schmunzelt sie. Nun habe sie „sofort jede Email beantwortet, ich glaube, das hat die beim ORF sehr gewundert, dass eine 80-jährige Frau immer sofort reagiert.“

Dass sie durch die Teilnahme am Bewerb jetzt wieder in den Literaturbetrieb einsteigt, ist für sie etwas ganz Besonderes. Sie habe sich in den vergangenen Jahren „total zurückgezogen, auch die Rechte an den früheren Büchern zurückverlangt. Ich habe mich sehr selbstdestruktiv verhalten, was Veröffentlichungen betrifft.“ Stattdessen hat sie in der Galerie, die sie in ihrem Heimatort betreibt, regelmäßig Lesungen gehalten. Immer wieder sei sie gefragt worden, ob sie diese auch veröffentlichen werde.

Ob sich ihr Leben anders entwickelt hätte, wenn sie 1980 aus der DRR ausreisen hätte dürfen, um in Klagenfurt zu lesen? Davon ist Schubert überzeugt. „Das hätte mich unheimlich ermutigt, aber es wurde nicht genehmigt. Ich habe in einer Diktatur gelebt.“ Es sei ein „reines Glück“ gewesen, dass die DDR bald darauf „zu Ende gegangen ist. Ich war eine typische Schriftstellerin, die in der Diktatur versucht hat, weiterzuschreiben.“ Umso dankbarer sei sie nun für den Bachmannpreis. „Weil ich jetzt wieder in der Literatur bin.“


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