Goethe, der Reiseblogger: Sommerausstellung im Ferdinandeum eröffnet

Die heute eröffnete Sommerausstellung im Ferdinandeum folgt dem Universalgenie Goethe auf seiner Italienreise und will gleichzeitig erkunden, wie er unser Italienbild bis heute prägt.

Jacob Philipp Hackerts „Der große Wasserfall von Tivoli bei Rom“ (Ausschnitt) von 1790 ist Teil der Goethe-Schau. Heute Abend von 19 bis 22 Uhr ist die Schau frei zugänglich.
© Belvedere

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Gerade vor zehn Tagen wurde es wieder möglich, völlig grundlos, als Urlauber, nach Italien zu reisen. Und schon am ersten Wochenende trudelten sie ein, die fotografischen Andenken aus dem warmen Süden, vom Gardasee oder Adriastrand, jenen Sehnsuchtsorten, die jährlich unzählige Touristen aufsuchen.

In gewisser Weise Fotos, Andenken, nur in literarischer Form, schickte schon Johann Wolfgang von Goethe von seiner Italienreise ins kalte Weimar. Ankedoten, Beschreibungen, Alltägliches sammelte er zusätzlich in seinem Reisetagebuch. Erst 25 Jahre später zimmerte er daraus seine „Italienische Reise“, einen üppigen Bericht, in dem der Dichter diese für ihn so prägende Zeit literarisch verarbeitet – ausschmückend und geglättet, wie ein gutes Selfie eben.

Prägend ist dieses Stück Literatur vor allem für die Nachwelt, die sich bis heute grundlos ins jenes Land begibt, „wo die Zitronen blüh’n“, um die von Goethe geformten Italienbilder auf ihre Echtheit zu überprüfen. Eine solche Unternehmung liegt nun auch der neuen, großen Sommerausstellung „Goethes italienische Reise. Eine Hommage an ein Land, das es niemals gab“ im Innsbrucker Ferdinandeum zugrunde. Warum gerade Goethe, wird sich so mancher fragen – Reiseberichte aus dieser Zeit gibt es viele. „Er ist der Erste, der eine echte Urlaubsreise in den Süden unternimmt – ohne Verpflichtungen“, meint Direktor Peter Assmann dazu, der mit dieser Mammutschau seine erste für Innsbruck gestaltete Ausstellung vorstellt.

„Mammutschau“ nicht nur aufgrund der enormen Dichte an Stoff und Verweisen, die in dieser sehr klassisch gebauten Ausstellung dem Publikum zugemutet wird, auch aufgrund der Kooperationen, die Assmann mit diesem Projekt eingeht. Von Mantua kommend knüpft der Museumschef scheinbar an alte Kontakte an: Mit dem Kuratorenteam Johannes Ramharter, Helena Pereña und Rosanna Dematté an seiner Seite gestaltete er nicht nur die Innsbrucker Schau, sondern eröffnet mit „A Sentimental Landscape“ zugleich im MAG (Museo Alto Garda) am Gardasee eine „Außenstelle“. Nicht weniger ambitioniert ist der umfangreiche Katalog – bewusst zweisprachig, verlegt vom Mailänder Verlag Skira.

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Goethe als Reiseblogger, so stellt ihn sich auch das Landesmuseumsmarketing vor; betritt man die Ausstellung und folgt den ausführlichen Wandtexten, erkennt man, der Anspruch liegt hier doch etwas höher. Durch die Brille der Kunst blickt man in dieser Ausstellung auf Goethes Tour: Giovanni Battista Piranesis surreale Architekturveduten werden ebenso Illustrationen für Goethes Reisebericht wie etliche Landschaftsbilder mit antiker Szenerie, etwa von Josef Anton Koch – aus der Sammlung der Landesmuseen.

Bildgewaltig wird im Erdgeschoß zusätzlich der Klassikbegriff des ausgehenden 18. Jahrhunderts – einhergehend mit Goethes Wandlung vom Sturm-und-Drang-Dichter zum Symbolbild der ­Weimarer Klassik – verhandelt. Für die de­tailverliebten ­Untersuchungen zur antiken Laokoon-Gruppe konnte Kustos Ralf Bormann ebenso auf die hauseigene Grafik-Sammlung ­zurückgreifen.

Weitere wichtige Leihgaben, u. a. das wohl berühmteste Porträt Goethes (im Original angefertigt 1787 von seinem Freund Johann Heinrich Wilhelm Tischbein), kommen von der Klassik Stiftung Weimar nach Innsbruck. Hier eröffnet eine Kopie von Tischbeins Ikone die Schau – ergänzt von Andy Warhols Pop-Art-Aneignung ebendieses Gemäldes.

Weitere Ausflüge in die Gegenwart sind zwar anberaumt, so ganz einfügen in die Erzählung wollen sich Barbara Klemms Fotoserie oder Simone Obholzers bildgewordene Horizonterweiterung aber leider nicht. Eher über das Thema der Stereotype, verbildlicht in Werbeplakaten zu Italien, kommt ein Nachdenken über die Gegenwart zustande.

Am nähesten ist man Goethe im ersten Stock bei den von ihm angefertigten Grafiken. Die sind weder ausgeschmückt noch ambitioniert. Im Gegenteil, hier kann man dem Genie so was wie Nicht-Talent attestieren – so hat man Goethe noch nie wahrgenommen. Auf diese Spur kann man sich heute Abend schon bis 22 Uhr begeben; auch am kommenden Sonntag ist der Eintritt in die Sommerausstellung frei.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Museumstr. 15, Innsbruck; bis 26. Oktober, Di–So 10–18 Uhr. Außenstelle Riva: Museo Alta Garda. Riva del Garda, ab 14. August; www.museoaltogarda.it


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