Wie Corona das jüdische Leben in Österreich beeinträchtigt

Die Israelitische Kultusgemeinde half unter anderem mit zwei neuen Krisenfonds ihren Gemeindemitgliedern, sagt Präsident Oskar Deutsch.

Pessach – eines der wichtigsten jüdischen Feste – mussten Kinder und Enkel heuer ohne ihre Eltern bzw. Großeltern feiern.
© iStockphoto

Von Serdar Sahin

Wien – Die Coronavirus-Pandemie hat das alltägliche Leben stark beeinträchtigt. So auch religiöse Rituale. Fast zwei Monate befand sich Österreich im Ausnahmezustand – in diese Zeit fielen Ostern, Pessach und ein Teil des Ramadan. Wie die jüdische Bevölkerung hierzulande die Corona-Krise bisher erlebt hat und wie auf Sorgen und Nöte reagiert wurde, erzählt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), im TT-Gespräch.

Relativ früh, schon Ende Februar, habe die IKG einen Krisenstab eingerichtet – darunter befanden sich Experten und Mediziner, erklärt Deutsch. „Wir haben die Vorgaben der Regierung jedes Mal evaluiert. Wir haben aber auch die Situation evaluiert, ohne, dass die Regierung etwas gesagt hat, und die Gemeindemitglieder mit verifizierten Informationen und Empfehlungen versorgt.“

Handel, Dienstleister, Gastronomie sowie Freizeit- und Sportbetriebe mussten wegen Covid-19 zusperren. Welche Auswirkungen hatte das? „Viele Gemeindemitglieder haben ihren Job oder ihre Geschäftsgrundlage in der ersten Phase der Corona-Krise verloren.“ Deshalb habe die IKG zwei Krisenfonds eingerichtet, erklärt Deutsch. Einer davon war mit 250.000 Euro für die Akuthilfe dotiert – für Menschen, die Corona-bedingt in finanzielle Nöte geraten sind. „Ohne viel Bürokratie erhielten bis dato mehr als 400 Familien zwischen 300 und 1000 Euro für den unmittelbaren Lebensbedarf.“

Der zweite Krisenfonds sei aus privaten Mitteln gespeist worden, sagt der IKG-Präsident. „Hier wurde Einpersonenunternehmen aus der Gemeinde geholfen, die um die Existenz ihrer selbstständigen Tätigkeit bangen mussten.“ Wie beim ersten Fonds habe auch hier „eine Kommission jeden Fall geprüft und binnen sehr kurzer Zeit konnte geholfen werden“.

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„Viele Gemeindemitglieder haben ihren Job oder ihre Geschäftsgrundlage in der Corona-Krise verloren.“ Oskar Deutsch
(IKG-Präsident)
© APA

Zu Beginn der Pandemie habe die IKG beschlossen, die älteren Mitglieder ab 65 Jahren und jene mit Vorerkrankungen besonders zu schützen. Man habe sie aufgefordert, zuhause zu bleiben. Herausfordernd sei besonders die Zeit des Pessach-Festes (zwischen 8. und 16. April) gewesen, wo sehr viele koschere Lebensmittel von entsprechenden Supermärkten gekauft werden – deutlich mehr als sonst im Jahr – erzählt Deutsch.

„Gemeinsam mit der Jüdischen österreichischen Hochschülerschaft (JöH) und ESRA (psychosoziales Zentrum der IKG) haben wir alle Mitglieder ab 65 Jahren angerufen und ihnen gesagt, dass wir für sie da sind. Wir hatten über 100 Leute, die mehrere Wochen lang mit älteren Menschen telefoniert – es wurde auch auf psychosoziale Warnsignale geachtet – und für sie Lebensmittel und Medikamente gekauft haben.“

Auch das jüdische Elternheim – das Maimonides-Zentrum – ist der IKG wichtig. 204 zum Teil hochbetagte Menschen würden dort leben, erklärt Deutsch. „Gemeinsam mit dem Krisenstab des Maimonides-Zentrums haben wir darauf geschaut, dass dort ja kein Corona-Fall auftaucht. Es ist uns durch penible Arbeit gelungen, das Virus von dort fernzuhalten.“

Der Krisenstab habe sich um Schutzmasken für alle Gemeindemitglieder gekümmert – allen Synagogen, jüdischen Schulen, koscheren Supermärkten und Institutionen werde seit Februar Desinfektionsmittel bereitgestellt, so Deutsch. Schutzmasken habe man auch per Post versendet. Die Gemeinde habe die IKG regelmäßig via Newsletter, Briefe, die Gemeindezeitung und Webseite über den Stand der Dinge und die eigenen Empfehlungen informiert. „Wir hatten eine Krisenhotline, die rund um die Uhr erreichbar war. Es gab Online-Gebete und live im Internet übertragene Konzerte junger Künstler aus der Gemeinde.“

In ihren Synagogen empfiehlt die IKG weiterhin das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. „Weil gerade das Singen in geschlossenen Räumen eine höhere Ansteckungsgefahr in sich birgt.“

Die Grenzen waren geschlossen, Flüge gestrichen. Was hat das für die jüdische Bevölkerung bedeutet? „Gerade zu Pessach fliegen viele Jüdinnen und Juden aus der Diaspora – also nicht nur aus Österreich – über die Osterfeiertage nach Israel. Diesmal sind wir alle dageblieben.“ Pessach ist ein Familienfest, wo am Abend gemeinsam gegessen, gebetet und gefeiert wird. „Die Jüngsten stellen den Ältesten vier Fragen – die erste ist: ,Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?‘ – das ist seit Tausenden Jahren so.“ Diesmal konnten die Großeltern nicht mit den Enkeln feiern, sie waren alleine, sagt Deutsch. „Das ist natürlich sehr schwierig, weil man sich das ganze Jahr darauf freut, zusammen zu sein.“

Derzeit würde der Krisenstab Notfallpläne für den Fall einer zweiten Welle adaptieren, sagt Deutsch. „Große Sorge bereitet uns aber die anrollende Finanz- und Sozialkrise. Als Kultusgemeinde sehen wir uns in der Pflicht, alle Gemeindemitglieder bestmöglich zu unterstützen. Leider hat die Corona-Krise auch in unserem Budget ihre Spuren hinterlassen. Einerseits durch die vielen Mehrausgaben und andererseits einnahmenseitig, etwa im Bereich der Mieten in Immobilien der IKG. Wir müssen uns also auch dahingehend konsolidieren, um im Winter und im nächsten Jahr in der Lage zu sein, bestmöglich zu helfen.“


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