“Undine“: Der Zauber einer Ahnung

Christian Petzold adaptiert in seinem neuen Film den Undine-Mythos und erzählt damit von einem Heute, an dem sich das Übersinnliche die Zähne ausbeißt.

Paula Beer wurde für „Undine“ im Februar bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck – Der Undine-Mythos – die Sage der Wassernymphe, die geliebt werden will und bei Liebesentzug Unheil heraufbeschwört – ist eine Männerphantasie: Die Mär von der Meerjungfrau als naturverbunden-entrücktem Objekt der kultivierten Begierde – und als Risiko, das mutig eingegangen und machtbewusst beherrscht werden will. Nicht zuletzt Ingeborg Bachmann hat in der Erzählung „Undine geht“ gegen dieses heillos romantisierte, Ungerechtigkeiten bestätigende Bild angeschrieben – und ihre Undine zornig „ich“ sagen lassen.

Viel weitergegangen ist seither – „Undine geht“ erschien Ende der 1950er-Jahre – nicht. Auch und gerade im Kino nicht, das nach wie vor den männlichen Blick ausstellt. Und sich schon dafür loben lässt, wenn weibliche Charaktere einmal nicht über Männer reden, von denen sie erobert werden wollen.

Solche Szenen gibt es in „Undine“, dem neuen Film von Christian Petzold, nicht. Überhaupt wird wenig miteinander geredet. Undine (Paula Beer) lebt vom Vortragen. Sie ist Historikerin und führt internationale Gäste in die Berliner Stadtgeschichte. Ihre Beziehung mit Johannes (Jacob Matschenz) ist gerade in die Brüche gegangen. Wenn er sie verlasse, müsse sie ihn töten, droht sie. Er geht trotzdem. Und ist bald vergessen. Weil in unheilvoll-wundersamer Fügung ein anderer Mann in Undines Leben tritt. Christoph (Franz Rogowski) ist Industrietaucher – und liebt bedingungslos, gibt sich ohne große Hintergedanken hin. Er, könnte man etwas unbedarft sagen, könnte Undines Seele retten. Und er wird dabei fast draufgehen, weil die Welt, in der dieses Märchen spielt, – die Gegenwart also – solche Unbedarftheiten bestraft und sich um so etwas wie Seele nicht kümmert. Genau das ist letztlich das große Thema dieses handwerklich ganz wunderbar gemachten Films: Am Heute beißt sich selbst das Übersinnliche die Zähne aus, weil schon das, was Sinn und Sinnlichkeit stiften soll, bloße Simulation ist. So wie das Berliner Stadtschloss, über das Undine nur widerwillig reden mag: die Kopie eines einstigen Herrschaftshauses als Ausdruck gegenwärtiger Einfallslosigkeit.

Es sind gerade solche Szenen, die „Undine“ ausmachen: die professionell heruntergespulten Vorträge, aber auch die mühevolle Detailarbeit, die deren Memorisierung vorausgeht, der Blick in mö­blierte Großstadtgarçonnièren und in ähnlich gesichtslose Hotelzimmer im Nirgendwo der sauerländischen Provinz. Hier halten sich die über Wasser, denen Festanstellung oder Großaufträge verwehrt bleiben. Durchschnittsmenschen, wenn man so will. Aber auch der Durchschnitt lebt und liebt – und manchmal für einen Augenblick oder zwei flüchtet er sich mit Kopfhörern aus der Durchschnittlichkeit. Und wird spätestens beim dritten Blinzler vom Alltag eingeholt.

Dieser kunstvoll abgefilmte Realismus freilich täuscht: Immer wieder bricht sich das Außergewöhnliche und Wundersame Bahn. In Gestalt eines wohl sagenumwobenen Fisches namens Günther. Oder durch einen Tontaucher, der nahende Katastrophen ankündigt. Mitunter folgte Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold den Vorgaben des Mythos, sucht und findet rätselhafte Bilder für das, was nur bis zu einem gewissen Punkt verstanden werden kann, für das also, was sich bestenfalls erahnen lässt.

In Paula Beer und Franz Rogowski, die bereits in Petzolds vorherigem Film „Transit“ die Hauptrollen spielten, hat der Regisseur zwei für sein Unterfangen ideale Darsteller: Sie sind ungemein präsent, ohne je aufdringlich dick aufzutragen. In einer der besten Szenen, vielleicht eine der besten des jüngeren deutschen Kinos, sitzen beide auf einer Bahnhofsbank – und schlagen Zeit tot. Da sind todbringende Wassernymphen und schicksalsschwangere Vorahnungen weit weg. Und trotzdem ist alles verzaubert.


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