Wechsel im Tiroler Landestheater: „Ein Umbruch ist ausgeschlossen“

Schauspieldirektor Thomas Krauß verlässt das Landestheater. Chefdramaturgin Christina Alexandridis verantwortet künftig die Sprechtheatersparte des Hauses. Sie will den eingeschlagenen Weg weitergehen.

Opernprobe mit Sicherheitsabstand: Intendant Johannes Reitmeier bereitet seine „Freischütz“-Inszenierung vor. Am 26. 9. ist Premiere.
© Leichtfried

Von Joachim Leitner

Dramaturgin Christina Alexandridis wird neue Schauspieldirektorin am Tiroler Landestheater.
© Thomas Boehm / TT

Innsbruck – In den vergangenen Tagen wurde am Tiroler Landestheater noch geprobt, gebaut und geplant. Seit gestern befindet sich die Belegschaft des Dreispartenhauses in den so genannten Theaterferien. Ab Ende August gehen die Vorbereitungen für die kommende Spielzeit weiter. Zwei bisherige Führungskräfte des Landestheaters werden dann nicht mehr Teil des Landestheater-Teams sein. Dass Operndirektorin Angelika Wolff ihren Ruhestand antritt, war bereits bekannt. Ihre Funktion übernimmt Michael Nelle, bislang persönlicher Referent von Intendant Johannes Reitmeier.

Thomas Krauß verlässt Tirol in Richtung Deutschland.
© Thomas Böhm / TT

Überraschender hingegen ist die Nachricht, die gestern Vormittag schnell die Runde machte – und vom Landestheater prompt via Aussendung bestätigt wurde. Auch Thomas Krauß, seit 2012 Schauspieldirektor des Hauses, wird das Landestheater verlassen. Dass Krauß sich nach neuen Aufgaben umsah, liegt in der Natur der Sache. In gut drei Jahren endet die Intendanz Reitmeier am Tiroler Landestheater. Dann wird wohl auch sein Leitungsteam Innsbruck verlassen. Die Landestheaterintendanz dürfte Anfang kommenden Jahres ausgeschrieben werden. Auch um sicherzustellen, dass ein gut vorbereiteter Übergang möglich ist. „Natürlich spielte das Ende der Intendanz bei meinen Überlegungen eine Rolle. Ich habe mich umgehört – und ein Angebot erhalten“, sagt Krauß. Der 57-jährige Regisseur wird Ende des Monats zur ZAV-Künstlervermittlung der deutschen Bundesagentur für Arbeit wechseln. Diese vermittelt Theater- und Filmschaffenden Engagements und berät sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer in künstlerischen und beruflichen Fragen. „Vieles, das mir als Schauspieldirektor wichtig war, kann ich auch in meiner neuen Funktion weiterführen, die Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern, die Förderung junger Schauspielerinnen und Schauspieler“, sagt der scheidende Direktor. Er habe das große Glück gehabt, 20 Jahre lang einen Traumberuf ausüben zu können, und sich die Entscheidung daher nicht leicht gemacht, sagt er. Ausschlaggebend sei letztlich gewesen, dass es ihn nach gut acht Jahren in Tirol auch aus privaten Gründen wieder in Richtung Deutschland zog.

Auch in der Operndirektion des Dreispartenhauses gibt es einen Wechsel: Angelika Wolff geht in den Ruhestand.
© Thomas Boehm / TT

Auch Krauß’ Stelle wird intern nachbesetzt. Christina Alexandridis, Chefdramaturgin am Haus, wird neue Schauspieldirektorin. Erstmals in der Geschichte des Landestheaters wird das Sprechtheater damit von einer Frau verantwortet.

Wie Krauß kam auch Alexandridis 2012 mit Johannes Reitmeier vom Pfalztheater Kaiserslautern nach Innsbruck. Mit dem Schauspieldirektor und Regisseur arbeitet sie seit mehr als 18 Jahren zusammen. Sowohl bei der Spielplangestaltung als auch bei einzelnen Projekten. Der Wechsel dürfte also weitgehend reibungslos vonstatten gehen. Chefdramaturgin wird Alexandridis bleiben. Dass sie im Gegensatz zu Thomas Krauß nicht als Regisseurin tätig ist, sei auch ein Vorteil, sagt sie. „Wenn man nicht inszeniert, hat man einen anderen Blick auf manche Fragen und kann bestimmte Entscheidungen freier treffen.“

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Michael Nelle wird neuer Opernchef.
© Kaser

Große Einschnitte wird es am Haus am Rennweg vorerst nicht geben. „Ein radikaler Umbruch ist ausgeschlossen. Zumal die kommende Spielzeit ja bereits durchgeplant ist. Dass ich in den folgenden Saisonen auch andere Akzente setzen möchte, als es Thomas getan hätte, ist klar. Aber grundsätzlich will ich den erfolgreichen Weg der vergangenen Jahre, den ich als Dramaturgin mitverantwortet habe, weitergehen“, so Alexandridis.

Gemessen am Publikumszuspruch war Thomas Krauß’ Zeit als Schauspieldirektor am Landestheater mit Auslastungszahlen jenseits der 80-Prozent-Marke überaus erfolgreich. Die von ihm verantworteten Spielpläne waren – ähnlich wie seine Inszenierungen – beinahe erbarmungslos solide: Klassiker – von Hebbel über Horváth bis zu Tennessee Williams –, bisweilen Boulevard und Bestselleradaptionen, zuletzt etwa Judith Taschlers „Deutschlehrerin“. Für experimentellere Ansätze holte er gute Leute ans Haus: Susanne Schmelcher, die für ihre „Anna Karenina“-Inszenierung 2015 den Nes­troy gewann, Elke Hartmann, die auf der Studiobühne K2 zur Jelinek-Fachfrau wurde, oder Rudolf Frey, der im Oktober auch „Kabale und Liebe“ verantworten wird. Er wolle mit seinem Theater nicht provozieren, diktierte er der TT gleich mehrfach ins Notizbuch, sondern suche die Nähe zum Publikum, das er berühren und im besten Fall zum Wiederkommen bewegen wolle. In der kommenden Spielzeit hätte sich Krauß unter anderem der Uraufführung von „Königin der Berge“ nach Daniel Wissers gleichnamigem Roman angenommen. Die Bühnenfassung dafür wird er noch schreiben. Die Inszenierung hat er abgegeben.

Neue Spielzeit mit geretteten Vorhaben

Nach dem Pandemie-bedingten Abbruch der Landestheaterspielzeit im März ging die Saison 2019/20 gestern auch offiziell zu Ende. Der abrupte Corona-Stopp hat sich auch auf die Vorbereitungen für die kommende Spielzeit ausgewirkt. Manche der im März für 2020/21 angekündigten Vorhaben lassen sich vorerst nicht wie geplant umsetzen. Dafür werden Premieren, die zuletzt entfallen mussten, in die kommende Spielzeit verschoben. So wird Peter Maxwell Davies’ für diesen Frühjahr geplante Kammeroper „Der Leuchtturm“ am 18. September die neue Saison in den Kammerspielen eröffnen. Im Großen Haus steht ab 26. September Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ auf dem Programm. Die ursprüngliche Auftaktproduktion, „Tosca“, wird ebenso wie Mussorgskis „Boris Godunow“ in einer der kommenden Saisonen über die Bühne gehen. Das Erfolgsmusical „Lola Blau“ wird ab 1. Oktober wiederaufgenommen.

Die Schauspielsparte startet am 2. Oktober mit der aus aktuellem Anlass kurzfristig konzipierten Revue „Quarantäne“ in den Kammerspielen. Tags darauf hat im Großen Haus Schillers „Kabale und Liebe“ Premiere. Die K2-Produktion „Am Königsweg“ wird ab 9. Oktober wiederaufgenommen. Apropos Wiederaufnahme: Ab 7. Oktober gibt es ein Wiedersehen mit Marie Stockhausens Tanzstück „Wolfgang Amadeus“. Die erste Neuproduktion der Tanzcompany, „Terra Baixa“, wird am 18. Dezember uraufgeführt.

Der Kartenvorverkauf startet wegen der momentanen Einschränkungen erst im Herbst.


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