TT-Ombudsmann Hansjörg Jäger tritt ab: „Eine sehr schöne Aufgabe“

Während der vergangenen 14 Jahre stand Ombudsmann Hansjörg Jäger Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite. Mit 82 Jahren löst er nun seine letzten von rund 10.000 Fällen.

Immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Leser: TT-Ombudsmann Hansjörg Jäger.
© Thomas Boehm / TT

Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Er radelte mit seinem E-Bike zu den Sportplätzen mitten im Wohngebiet, um sich selbst ein Bild zu machen von der „unerträglichen Lärmbelastung“, über die sich Anrainer beschwert hatten. Oder zu den Berufsschulen in Innsbruck – Nachbarn hatten geschrieben, dass sich dort während der Pausen und am Abend immer Massen grölender Schüler treffen würden und die Straße mit Zigarettenstummeln und Müll übersät hinterließen. „Ich habe so oft wie möglich versucht, mir vor Ort einen Eindruck von der Lage zu verschaffen – in Innsbruck mit dem Rad und außerhalb mit dem Auto.“ Wie bei den Neubauten in Ranggen, deren verzweifelte Bewohner wegen eines Wasserschadens nicht mehr weiterwussten. Wie sich herausstellte, hatte ein Nachbar eine Mauer aufgezogen, durch die Wasser ins Grundstück umgeleitet wurde. „Das musste saniert werden, dann war wieder alles in Ordnung.“

Rund 14 Jahre sind vergangen, seit der frühere, langjährige Präsident der Tiroler Wirtschaftskammer Hansjörg Jäger seine Aufgabe als TT-Ombudsmann übernahm. Anlässlich seines jetzigen Abschieds zieht er Bilanz und erinnert sich. „Als ich gefragt wurde, ob ich außer für wirtschaftliche Belange auch ein offenes Ohr für Probleme hätte, die das Leben so mit sich bringt, hab’ ich gerne zugesagt. Es war Zeit, etwas Neues anzugehen, und durch meine Lebenserfahrung wollte ich Hilfesuchenden mit Rat und Trost beiseitestehen“, sagt er und fügt hinzu: „Es war eine sehr schöne Aufgabe.“

Und die versuchte er, wann immer es möglich war, konsensorientiert zu lösen. Oft ging es dabei um Lärm durch Verkehr oder die Nachbarn, um verzweifelte Kranke, die sich über eine nicht entsprechende Behandlung beschwerten oder über eine zu niedrige Pflege-Einstufung durch die Pensionsversicherungsanstalt, um Versicherungen, die ihre Kunden kündigten, säumige Behörden oder Unternehmen, deren unzufriedene Kunden sich an den Ombudsmann wandten.

„Am Anfang war das Ombudswesen in Tirol noch im Aufbau, inzwischen gibt es z. B. mit der Patientenvertretung oder dem ,Netzwerk Tirol hilft‘ weitere Anlaufstellen, an die sich Hilfesuchende wenden können.“ Für die Tiroler Tageszeitung war die Verpflichtung von Jäger die Wiederbelebung einer Institution: Denn schon 1973 hatte der später mit dem Landesverdienstkreuz ausgezeichnete Eugen René Oetzbrugger als Leiter des Rechtsressorts und Ombudsmann mit der Pionierarbeit in Sachen Bürgerschutz begonnen.

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Seither sei vieles im Behördendschungel nicht nur komplexer und unübersichtlicher geworden – die Digitalisierung hat große Veränderungen gebracht –, der Ombudsmann muss auch laufend vor neuen Betrugsmaschen durch das Internet warnen. „Da werden wahllos E-Mails gestreut, in denen Millionengewinne versprochen werden, mit Billigprodukten geworben oder auf angebliche Verfehlungen aufmerksam gemacht wird. Niemand sollte sich durch sie beeindrucken oder verunsichern lassen. Offensichtlich kann aber kein Versprechen zu offensichtlich auf Betrug ausgelegt sein, dass es nicht doch Leute gibt, die darauf hereinfallen in der Hoffnung, dass ihnen das Glück hold ist.“

Aktuelles Beispiel ist ein E-Mail, in dem ein Unbekannter mitteilt, Corona-Opfern Millionenspenden zukommen zu lassen, man müsste nur einen Link anklicken und dann seine Kontonummer bekannt geben. Jäger: „Wir haben oft gewarnt, dass sich jeder darüber im Klaren sein sollte, dass es keine Wunder gibt – schon gar nicht, wenn es um Geld geht.“ Gerne erinnert er sich an Fälle, bei denen es gelungen war, jemandem aus einer ausweglos scheinenden Situation herauszuhelfen: wie jener an Krebs erkrankten Frau, die – auf sich allein gestellt – nicht mehr in der Lage gewesen ist, sich beim AMS zu melden, und der deshalb die Bezahlung der Behandlungskosten gestrichen werden sollte. „Gemeinsam mit der Gebietskrankenkasse und dem AMS gelang es uns, ihr zu helfen.“

Andere waren dankbar zumindest für ein offenes Ohr und dafür, mit ihren Anliegen endlich ernst genommen zu werden. „Ich erinnere mich an herzliche Dankbarkeit, aber auch an Unverständnis, weil wir nicht helfen konnten. Es gibt Fälle, mit denen sich gerade die Gerichte beschäftigen, oder die auch längst entschieden sind. Die Betroffenen können sich aber mit dem für sie ungerechten Urteil nicht abfinden.

Nicht selten habe ich leider auch sagen müssen – und das ist mir sehr schwergefallen –, machen Sie Frieden und ziehen Sie einen Schlussstrich.“ Damit sei manchen mehr geholfen, als sich weiterhin in eine Sache ohne Aussicht auf Erfolg zu verbeißen. Das seien aber nur Einzelfälle gewesen, „bei weit über 95 Prozent konnte ein Anliegen in beiderseitigem Einverständnis abgeschlossen werden“.

Weil sich immer mehr Hilfesuchende meldeten – im Laufe der Jahre waren es rund 10.000 Fälle –, erhielt Jäger Unterstützung durch Michael Motz und vor drei Jahren durch den früheren Geschäftsführer der Neuen Heimat Klaus Lugger. „Gemeinsam haben wir die Fälle besprochen und überlegt, wie wir helfen können. Oft reichte auch die Adresse oder Telefonnummer einer zuständigen Stelle, an die sich die Leser wenden konnten.“

Bei einem seiner letzten Fälle versuchte Hansjörg Jäger, einer stark sehbehinderten, betagten Frau zu helfen, die Gebühren für einen Fernseher zahlen sollte, den sie gar nicht besitzt. Da bei der GIS niemand auf ihre Einwände reagierte, versuchte der TT-Ombudsmann sein Glück und erhob Einspruch – mit Erfolg.

„Ich hab’ das immer sehr gern gemacht, blickt er zum Abschied noch einmal zurück. Es war mir ein großes Anliegen, bei Einzelschicksalen zu helfen, aber auch im Sinn der Allgemeinheit Missstände aufzuzeigen und zu deren Beseitigung beizutragen.“


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