Wanderung zum Gedenken an Aloisia, die Höchstgeborene

Vor 100 Jahren ist Aloisia Lackner auf 2077 Metern Höhe auf der Bettelwurfhütte im Karwendel geboren worden. Die Enkelinnen stiegen am 1. Juli auf, um ihr zu gedenken.

Gaby Repetschnig ( l.) und Susanne Lackner ( re.) stiegen zum 100. Geburtstag von Aloisia Lackner zur Bettelwurfhütte auf. Pächterin Christine Art entzündete am Abend am Stammtisch die mitgebrachte Kerze
© Privat

Von Theresa Mair

Innsbruck –Susanne Lackner und Gaby Repetschnig waren schon oft oben auf der Bettelwurfhütte oberhalb von Absam im Karwendel. Als die Cousinen aus Innsbruck am vergangenen Mittwoch aufstiegen, hatten sie im Rucksack eine Kerze mit dabei. In Gedanken waren sie bei ihrer Oma Aloisia.

Aloisia Lackner
© Privat

Auf dem ausgesetzten, steilen Weg stellten sie sich vor, wie beschwerlich der Aufstieg zur 2077 Meter hoch gelegenen Hütte vor hundert Jahren gewesen sein muss. „Man muss schon ein bisschen fit sein und trittsicher. Wie man da als Schwangere hinaufgekommen ist, also das weiß ich nicht“, erzählt Lackner. Ihre Urgroßmutter Walpurg Würtenberger hat das zuwege gebracht. 1920 war sie Köchin auf der Hütte und gebar dort – zwei Monate zu früh – am 1. Juli ihre Tochter Aloisia. In seinem Buch „Die Bettelwurfhütte im Karwendel“ schreibt Günter Amor, dass Aloisia „wohl das am ,höchsten‘ geborene Kind in der Gemeinde Absam“ sein dürfte.

Vor 100 Jahren ist Aloisia Lackner auf der Bettelwurfhütte geboren worden.
© Zak

Susanne Lackner arbeitet am Schalter der Innsbrucker Klinik. Dort lernte sie Amor vor vielen Jahren kennen. „Ich habe ihn angesprochen, weil er ein T-Shirt mit der Bettelwurfhütte drauf anhatte“, erzählt sie. Sie kamen ins Gespräch. Amor erzählte ihr, dass sein Sohn der langjährige Hüttenwart sei und dass er an einem Buch arbeite. Lackner schilderte ihm, dass ihre Oma dort oben geboren war. Er begann zu recherchieren.

Über Walpurg Würtenberger fand er heraus, dass sie nicht nur Häuserin auf der Hütte, sondern auch Feuerwehrfrau in Absam war. Was für die damalige Zeit fortschrittlich klingt, hat jedoch einen traurigen Hintergrund. „Sie haben damals keine Männer gehabt, weil die im Krieg waren oder gefallen sind. Die Mutter von meiner Oma hat später noch einmal geheiratet und ist nach Wörgl gezogen“, schildert Lackner. Ob sie damals zur Entbindung von Aloisia noch ins Tal gehen wollte, ist nicht überliefert. Wie Amor herausfand, wurde das Kind bald nach der Geburt auf einen Esel gepackt, auf dem es über das Lafatscherjoch nach Absam zum „Tschoggelerbauer“ Florian Würtenberger getragen werden sollte.

„Sie wollten sie zu den Herrenhäusern im Halltal hinüberbringen, zu einer Kapelle, wo sie die Nottaufe erhalten sollte. Aber der Esel ist plötzlich nicht mehr weitergegangen“, erinnert sich Lackner an Erzählungen ihrer Oma. Das Tier hatte wohl eine Vorahnung, es war nicht ohne Grund so starrsinnig. Denn auf einmal sei eine gewaltige Steinlawine herabgerumpelt. Danach trottete das Grautier anstandslos weiter. Das Baby wurde getauft und wuchs bei der Ziehfamilie in Absam auf.

„Meine Oma war so eine richtige Oma"

Von der Geburt auf der Bettelwurfhütte sei ihrer Oma die Liebe zu den Bergen geblieben. Diese habe sie auch Lackner und Repetschnig weitergegeben. „Meine Oma war so eine richtige Oma, wie man sie sich vorstellt. Als sie meinen Opa kennen gelernt hat, ist sie mit ihm nach Innsbruck gezogen. Sie war Hausfrau, hat fünf Kinder gehabt, sechs Enkel und sechs Urenkel. Für uns hatte sie immer ein Schokoladele und sie hat so viel gestrickt“, schwärmt Lackner.

Über Österreich sei Aloisia nie hinausgekommen, dafür immer wieder hoch hinauf auf die Bettelwurfhütte, das letzte Mal mit 60 Jahren. „Sie hat sich gewünscht, dass ihre Asche da oben verstreut wird.“ Doch das war noch nicht erlaubt, als Aloisia Lackner am 28. Dezember 1994 mit 74 Jahren starb. Jetzt ist sie auf dem Wiltener Friedhof begraben. Doch zu ihrem 100. Geburtstag ließen es sich die Enkelinnen Gaby und Susanne – beide übrigens 50 – nicht nehmen, „zur Oma raufzugehen“.

Als sie wieder absteigen wollten, machte sich bereits das aufziehende Gewitter bemerkbar. Doch die beiden vertrauten darauf, dass Aloisia auf sie aufpasst. „Es hat uns so richtig eingewassert, und Gaby sagte dann: ,Schau, jetzt weint die Oma doch!‘“ Es könnten Freudentränen gewesen sein. Hüttenwirtin Christine Art zündete derweil die Kerze an und stellte sie an den Stammtisch.


Kommentieren


Schlagworte