Experte trotz Wirecard-Skandal: „Weg Richtung bargeldlos ist unausweichlich“

Universitätsprofessor Matthias Bank sieht im Wirecard-Skandal ein Versagen der Prüfer und ruft Kunden zu Vorsicht im Geldverkehr auf.

Sehr wahrscheinlich existieren 1,9 Milliarden Euro Firmengelder bei Wirecard nicht. Der Konzern hat Insolvenz angemeldet.
© CHRISTOF STACHE

Der Wirecard-Skandal mit dem Milliarden-Bilanzloch dominiert die Schlagzeilen. Was bietet der Zahlungsdienstleister genau?

Matthias Bank: Wirecard ist die Brücke zwischen Unternehmen, die im Internet Produkte und Dienstleistungen verkaufen und eine Zahlungsabwicklung über ihre Website wollen, und der Bank auf der anderen Seite. Wirecard bietet diese Leistung und die Software zur Abwicklung an. Eine wichtige Serviceleistung ist eine Art Garantie, dass der Unternehmer sicher sein kann, dass er die Zahlung erhält.

Matthias Bank ist Professor für Bankwirtschaft und Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Universität Innsbruck.
© UIBK

Wirecard galt als innovatives Unternehmen im Payment-Sektor. Was hat versagt: die Aufsicht oder das Geschäftsmodell?

Bank: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Geschäftsmodell funktioniert, ist hoch, aber sicher ist das nicht. Wenn Luftbuchungen oder Ähnliches gemacht wurden, sind die Anleger getäuscht worden. Dann wäre eine hohe Wachstumsrate vorgegaukelt worden, worauf die Investoren den hohen Aktienkurs unterstützt haben, der dann weiter nach oben gegangen ist. EY hat in gewisser Weise versagt, weil sie seit vielen Jahren die Rechnungsprüfer bzw. die Wirtschaftsprüfer von Wirecard sind, ihnen hätte das auffallen müssen. Da haben die ihren Job einfach nicht richtig gemacht.

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Ist der Markt für digitale Bezahlmethoden durch den Wirecard-Skandal beschädigt?

Bank: Das glaube ich nicht, denn am Ende haben die Kunden von Wirecard ihre Zahlung erhalten. Die Frage ist, ob das, was damit verdient wurde, tatsächlich hartes Geld war. Eine Gefahr der Payment-Systeme ist, dass es operationelle Risiken gibt und die Technik nicht funktioniert. Wenn das zu oft passiert, gibt es einen Vertrauensverlust. Aber wir haben sehr reputierliche Zahlungssysteme, wenn wir an Kredit- oder EC-Karte denken, wo ein hohes Vertrauenspotenzial dahintersteckt. Die Menschen ändern ihre Gewohnheiten nicht.

Ist eine Rückkehr zu traditionellen Kreditkartenunternehmen oder eine Verlagerung zu erwarten?

Bank: Es gibt nicht die eine oder die andere Option, diese sind alle miteinander verschachtelt. Bei Google Pay oder Apple Pay laufen Kreditkarten von Visa, Maestro oder Mastercard im Hintergrund. Nur bringt etwa Google Pay einen Zuwachs an Convenience, dass bei Handy-Zahlungen die Daten verschlüsselt und sehr sicher weitergegeben werden. Denn im Internet ist es ein Problem, Kreditkartendaten einzugeben, weil diese gestohlen werden können. Auch Paypal läuft mit der Kreditkarte und bietet den Extra-Service der Rückabwicklung der Zahlung. Da ist viel Geld zu holen. Das ist auch der Grund, warum diese Payment-Anbieter eine hohe Bewertung haben.

Wie können sich Konsumenten Überblick über die Angebote verschaffen?

Bank: Man sollte auf die Datensicherheit achten und sich fragen, ob man einem Konzern wie Google oder Amazon persönliche Daten tatsächlich kostenlos zur Verfügung stellen will. Dieser Trade-Off muss einem bewusst sein, wenn man diese Zahlungssysteme nutzt. Und gerade wenn es um Geld geht, ist Convenience nicht alles. Man sollte reflektieren und vielleicht auf Tempo verzichten. Die Kunden sind im Geldverkehr bereits sensibilisiert, aber es ist wichtig, diese Sensibilisierung hochzuhalten.

Gerade in der Krise wurde deutlich, dass die Österreicher auf Bargeld fixiert sind. Wird sich das ändern?

Bank: In der Krise ist auch klar geworden, dass es einfacher ist, bargeldlos zu zahlen. In vielen Geschäften wurde man zum bargeldlosen Zahlen aufgefordert, um den Kontakt mit dem Virus zu vermeiden. Der Weg in Richtung bargeldlos ist unausweichlich, weil die Vorteile nicht zu übersehen sind. Bargeld ist aber trotzdem wichtig, weil es eine gewisse Sicherheit in der Krise schafft. Aber es wird weniger werden, Corona ist auch hier eine Art Brandbeschleuniger gewesen.

Und welche Auswirkungen hat der Skandal für die Kunden von Wirecard?

Bank: Im Moment funktionieren die Systeme und die Geschäfte gehen weiter, auch weil der Insolvenzverwalter die Pflicht hat, so viel Vermögen wie möglich zu erhalten. Aber die Kunden von Wirecard müssen überlegen, wie es weitergeht und ob sie zu Konkurrenzangeboten wechseln. Und das ist ein großer Aufwand.

Das Interview führte Cornelia Ritzer


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