Neue Töne und Todesmelodien: Nachruf auf Ennio Morricone

Er verband Avantgarde, neuromantisches Pathos und Pop zu Filmmusik, die alle Konventionen sprengte – und neue Standards setzte. Gestern ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren gestorben.

Ennio Morricone, 2009 im Festsaal des Hotel Excelsior in Venedig. Dort entstanden 1984 zentrale Szenen von Sergio Leones Gangster-Epos „Es war einmal in Amerika“, für das Morricone einen seiner schönsten Scores komponierte.
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Von Joachim Leitner

Rom – Wenn er als „Western-Komponist“ vorgestellt wurde, funkelten Ennio Morricones Augen. Er habe auch Musik für Western geschrieben. Aber das mache ihn noch lange nicht zum Western-Komponisten, ließ er sein Gegenüber wissen. Tatsächlich machen Western nur einen Bruchteil von Morricones umfangreicher Filmografie aus. Trotzdem: Wirklich los wurde er das Etikett nie. Zu prägend, zu eingängig, zu brillant waren diese Scores – die Maultrommel in „Eine Handvoll Dollar“, das Coyoten-Geheul in „Zwei Glorreiche Halunken“, die Harmonica in „Spiel mir das Lied vom Tod“ aber auch die verzuckerte Todesmelodie, die er für Sergio Corbuccis Tiefschnee-Apokalypse „Leichen pflastern seinen Weg“ komponierte.

„Spiel mir das Lied vom Tod“, 1968.
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Sergio Leone, mit dem Morricone Anfang der 1960er-Jahre uramerikanische Mythen gegen den Strich bürstete, nannte den 1928 in Rom geborenen Komponisten seinen wichtigsten Drehbuchautoren. Morricone komponierte bereits vor dem Drehstart – und Leone choreografierte seine Tableaus nach Gehör. Was wäre die berühmte Kamerakranfahrt in „Spiel mir das Lied vom Tod“ – Claudia Cardinale geht durch den Bahnhof, die Kamera fährt hoch, und über den Schindeln der Bretterbude öffnet sich die Breitwandbreite des Westens – ohne das punktgenaue Crescendo auf der Tonspur? Eine gut gemachte Fahrt. Erst die Musik überhöht die Szene durchaus effektbewusst ins Mythische. Für einen Regisseur der großen Gesten – und bei Leone kann selbst das Verspeisen eines Sahnetörtchens zum Sinnbild für schicksalshafte Ausweglosigkeit werden – malte Morricone bisweilen mit breitem Pinsel und schuf wuchtig orchestrale Scores und raffiniert gebaute Ohrwürmer. Für „Mein Name ist Nobody“ etwa orientierte er sich an Wagners Walkürenritt und vermählte diesen in einem prä-postmodernen Twist mit Paul Ankas Erbauungsschnulze „My Way“).

„Die Schlacht um Algier“, 1966.
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Ließen ihm die Filmemacher Raum, wagte sich der studierte Avantgardist auf andere Wege: In Elio Petris „Das verfluchte Haus“ etwa, kann man ihm und seinem Ensemble Nuova Consonanza beim improvisieren zuhören. Nicht weniger neutönend: Die kantigen Synkopen, die Morricone für Petris „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ (1970) komponierte.

Mehr als 500 Filmmusiken hat Ennio Morricone komponiert, darunter Wegweisendes wie den unerbittlich-martialischen Marsch für Gillo Pontecorvos „Die Schlacht um Algier“, Bernardo Bertoluccis „1900“ oder die Henri Verneuil „Der Clan der Sizilianer“. Er arbeitete mehrfach mit Pier Paolo Pasolini zusammen und veredelte Dario Argentos frühe Mörderjagten. Terence Malick holte ihn 1979 für „In der Glut des Südens“ in die USA. Angebote, in Hollywood zu bleiben, schlug er aus. Die eine oder andere US-Großproduktion orchestrierte er von seinem römischen Studio aus, Brian de Palmas „Die Unbestechlichen“ zum Beispiel oder „Bugsy“ von Barry Levinson.

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„Die Mission“, 1986.
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Es wäre ein unzulässiges Unding, Hunderte von Werken – neben seinen Filmarbeiten, komponierte Morricone auch sakrale und weltliche „E-Musik“ – auf eine belastbare These zu bringen. Morricones Meisterwerke sprengten Konventionen – und wurden als neuer Standard vielfach kopiert. Eine Zeitlang knallten in jedem Western die Peitschen. Doch da war Morricone schon ein, zwei Filme weiter, stellte Talent und Fleiß in den Dienst einer anderen Sache – und schuf Melodien, die ihn nun überdauern müssen.

„The Hateful Eight“, 2015.
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Montagfrüh ist Ennio Morricone an den Folgen eines Sturzes gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Seine Todesanzeige, die heute in allen italienischen Zeitungen erschienen ist, hat er selbst geschrieben. Er bittet darin um eine Trauerfeier im engsten Kreis: „Ich will niemanden stören.“

Ennio Morricone (1928–2020): Zahllose Meilensteine – und ein Oscar

Western. Die Musik zu den Italo-Western von Sergio Leone machten Morricone in den 1960er-Jahren berühmt. Der Komponist und sein einstiger Schulfreund Leone arbeiteten sechsmal zusammen – und schufen Meilensteine der Filmgeschichte.

Autorenfilm. Immer wieder komponierte Morricone für bisweilen explizit politische Autorenfilmer wie Gillo Pontecorvo („Die Schlacht um Algier, 1966; „Queimada, 1969) oder Bernardo Bertolucci („Vor der Revolution“, 1964; „Partner“, 1968).

Lieblingsfilm. Als seinen gelungendsten Score bezeichnete Ennio Morricone mehrfach „Die Mission“ (Regie: Roland Joffé). Dafür gewann er 1987 den Golden Globe. Dass er bei den Oscars leer ausging, habe ihn lange gekränkt, gestand er einmal.

Oscar. Morricone ging fünfmal glücklos ins Oscar-Rennen (1979, 1987, 1988, 1992 und 2001). 2007 wurde ihm der Ehrenoscar für sein Lebenswerk zuerkannt. 2016 gewann er für Tarantinos „The Hateful Eight“ seinen einzigen Oscar.


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