Mahnmale in Wattens: „Stolpersteine“ sollen die Erinnerungskultur anstoßen

Ab 15. Juli erinnern in Wattens sieben kleine Mahnmale an Menschen, die von den Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden.

An der Stelle, die GR Lukas Schmied (l.) und Historiker Philipp Lehar anzeigen, wird der Stolperstein für Pater Jakob Gapp verlegt.
© Domanig

Wattens – Sie gelten als größtes dezentrales Mahnmal der Welt: Bereits über 75.000 „Stolpersteine“ in mehr als 25 Ländern erinnern an Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Beim Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig handelt es sich um kleine, im Boden verlegte Gedenktafeln, die auf Messingplatten die Namen der Opfer tragen – meist an deren letzten freiwilligen Wohnorten oder Arbeitsstätten. In Österreich gibt es diese Form der Erinnerungskultur schon in Salzburg, der Steiermark, Nieder- und Oberösterreich, Kärnten und Vorarlberg. In Tirol findet sich bislang erst ein Stein in Zell am Ziller.

Tirols bislang einziger Stolperstein in Zell am Ziller.
© Wikimedia/Christian Michelides

Das ändert sich nun: In Wattens erinnern ab nächster Woche sieben „Stolpersteine“ an sieben Schicksale von Vertriebenen und Ermordeten.

Die Idee schlug der Wattner Kulturreferent GR Lukas Schmied dem Gemeinderat im November 2018 vor – mit dem Hinweis, dass es dazu mit dem Historiker und Museumsmitarbeiter Philipp Lehar aus Wattens die „perfekte Ressource“ im Ort gebe. Der Gemeinderat habe „sehr offen“ reagiert, freut sich Schmied, und den Initiatoren freie Hand gelassen. Am Ende nahm der Kulturausschuss die Namensliste einhellig an.

Einige Namen seien sofort klar gewesen, sagt Lehar – etwa Pater Jakob Gapp, ein gebürtiger Wattner, der 1943 in Berlin hingerichtet wurde. Der Stolperstein mit seinem Namen wird am Aufgang zur Laurentiuskirche verlegt – ebendort, wo Gapp im Dezember 1938 eine jener mutigen NS-kritischen Predigten hielt, die ihm zum Verhängnis werden sollten.

Eine bekannte Persönlichkeit in Wattens ist auch Felix Bunzl, der die Papierfabrik nach dem Ersten Weltkrieg erfolgreich wieder auf- und ausbaute, ehe er als Jude zur Emigration gezwungen wurde.

Unter den Namen sind aber auch Menschen, die selbst Wattnern kaum bekannt sein dürften: Dazu gehört Simon Bachler, der in Wattens als Gendarm tätig war, später erkrankte und in die Heil- und Pflegeanstalt Hall kam. Er wurde 1940 nach Hartheim deportiert und ermordet.

Auch die Wattnerin Maria Andergassen wurde 1941 im Zuge des NS-Euthanasieprogramms in Hartheim umgebracht. Ihr Gedenkstein wird aus baulichen Gründen vorerst nicht verlegt, sondern kommt als Vermittlungsobjekt ins Museum Wattens.

Weitere Steine erinnern an Friedrich Tannert, Angestellter in der Papierfabrik, und seine Frau Gertrude, die vor den Nazis nach England fliehen mussten, und den Widerstandskämpfer Albert Troppmair. Zentral sei, die große Bandbreite an Opfergruppen abzubilden, betont Schmied.

Gunter Demnig wird die Steine, die von einer Non-Profit-Organisation in Berlin angefertigt werden, am 15. Juli selbst in Wattens verlegen. Die Kosten trägt die Marktgemeinde. Begleitend entsteht ein Infofolder, der über das Museum verteilt wird.

Tirols bislang einziger Stolperstein, im September 2019 in Zell am Ziller verlegt, erinnert an den ehemaligen Hauptschuldirektor Hans Vog­l, der 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet wurde. Initiatoren waren dort GR Annelies Brugger und Josef Thaler. Ihr Antrag, auch an Vogls Witwe mit einem Stolperstein zu erinnern, wurde damals im Gemeinderat mehrheitlich abgelehnt – worauf Demnig einen „Platzhalterstein“ verlegte. Schon bis zum ersten Stolperstein sei es ein harter Weg gewesen, so Brugger: „Die Erinnerungs- und Widerstandskultur stieß auch selbst auf Widerstand.“ (md)


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