Ausstellung in Bozen: Eng verwachsen, symbiotisch, unsichtbar

Alles neu im Museion in Bozen: Eine Schau zeigt aktuelle Ankäufe des Landes. In der Direktion hat Bart van der Heide das Ruder übernommen.

Moment „Linien“: v. l. n. r. Werke von Arnold Holzknecht („Linienbild Nr. 53“), Martina Steckholzer („Belonging“) und Esther Stocker („o.T.“)
© Guadagnini

Von Barbara Unterthurner

Bozen –Eine Ausstellung wie ein Waldspaziergang. So stellt sich die neue Schau „unlearning­ categories“ im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen, dem Museion, derzeit vor. Für die Schau braucht es Präsenz, Langsamkeit und einen neugierigen, wachen Blick, fordern die Kuratorinnen Simone Mair und Lisa Mazza eine ähnliche Aufmerksamkeit wie beim Pilzesammeln. Ganz nebenbei erarbeitet man sich so einen guten Überblick über das künstlerische Schaffen südlich des Brenners: Ausgestellt werden die Ankäufe der Südtiroler Landesregierung zwischen 2012 und 2018.

Was sonst in Büroräumen hängt, rumsteht und für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar bleibt, kommt jetzt in den Ausstellungsraum. Aus 150 Ankäufen von 100 Künstlern konnte ausgewählt werden (ein Katalog aller Ankäufe erscheint), den Kuratorinnen der Kulturorganisation BAU ist es zu verdanken, dass 60 Werke von 50 (vornehmlich) Südtiroler Kunstschaffenden auf zwei Stockwerken zu einer auf besondere Weise erlebbar gemachten Ausstellung werden.

Neu im Museion: Bart van der Heide.
© Blomqvist

Eng verwachsen, unterirdisch und unsichtbar, wie bei der Mykorriza, einer Form der Symbiose von Pilz und Pflanze, stellen sich die Kuratorinnen die Verbindungen zwischen den Exponaten vor. Theoretischen Untergrund finden sie bei Feministin und Biologin Donna Haraway und Anthropologin Anna Tsing. Mit „unlearnin­g categories“ verlangen Mair und Mazza zugleich ein Neudenken überkommener Kategorien; statt formaler oder stilistischer Kriterien werden die Werke in acht so genannten „Momenten“ vorgestellt, grafisch reizvoll gestaltet von insalata mista studio.

Mit dem Moment „Humus“ beginnt die Schau: Hier können sich Besucherinnen und Besucher Einblick in das Schaffen der ausgestellten Kunstschaffenden verschaffen. Von diesem fruchtbaren Boden aus, gelangt man zu „Mischwesen“ und mit u. a. Annemarie Laner, Peter Senonder oder Julia Bornefeld zu Kreativen, die den Körper und dessen Untersuchung verhandeln. Bei Michael Fliris poetischem „My private Fog II“ etwa verwächst Körper mit Landschaft, Linda Jasmin Mayers umwerfend stilles Video „Dove fermarsi?“ webt zusätzlich Mensch und Tier mit ins Thema ein.

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Teilweise überladene Überblicksschau

Landschaft und Natur sind ständig wiederkehrende Themen in den angekauften Werken; Sämtliche Arbeiten sind hier um neue Zugänge bemüht. Bei „Gefüge“ etwa u.a. werden Arbeiten des Tirolers Elmar Peintner, Walter Niedermayer oder Gabriela Oberkofler einander gegenübergestellt, die allesamt mit der Nähe der Natur zur Künstlichkeit spielen. Mit diesem Aspekt wird der Waldspaziergang abgeschlossen und damit eine teilweise überladene Überblicksschau, die kaum auf einen Nenner zu bringen ist – das eigenwillige kuratorische Narrativ liefert wenigstens eine Art Wegbeschreibung.

Durch die Präsentation der Ausstellung führte erstmals Bart van der Heide, der neue Direktor, der Langzeitleiterin Letizia Ragaglia mit Juni ablöste. Über zehn Jahre stand sie an der Spitze. Ihr sehr striktes Programm – ein Schwerpunkt auf Künstlerinnen und neue Formen des Mediums Skulptur – ist in der ebenso neuen Ausstellung der deutschen Künstlerin Karin Sander ganz klar zu spüren. Sander bespielt den vierten Stock mit ihren minimalistischen und konzeptuellen Arbeiten nicht nur, sondern verortet ihn gleich neu. Welche Akzente van der Heide setzt, wird sich 2021 zeigen, dann wird seine erste Ausstellung eröffnen.


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