Plattform Offene Jugendarbeit: „Man hat die Jungen vergessen“

Megapartys in der Sillschlucht zeigen: Jugendliche suchen sich Orte zum Feiern. Mehr Angebot seitens der Jugendzentren soll ihren Sommer retten.

Partys in der Sillschlucht und am Berg, die Jugend weicht aus.
© Parigger,

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Die Behörden haben die Veranstalter der Party in der Sillschlucht noch nicht ausgeforscht. Rund 1000 Personen sollen vergangenes Wochenende dort abgefeiert haben. Unter Jugendlichen ist die Megafete das Thema: „Es war friedlich“, sagt eine. Eine andere gibt an, die Techno-Sause, bei der auch Erwachsene gewesen sein sollen, habe sich als gefährlich entpuppt: Das Gelände sei abschüssig gewesen, Partygäste torkelten, wie berichtet, auf den Gleisen herum. War es der Reiz des Verbotenen, der so viele anzog? „Es ist der einzige Ort, wo wir noch hinkönnen. Schon vor Corona gab es wenig Platz für uns, jetzt sollen wir daheim hocken“, sagt ein Jugendlicher.

Elmar Rizzoli, Amtsleiter für allgemeine Sicherheit und Veranstaltungen der Stadt Innsbruck, bestätigt, dass die Sillschlucht wohl bisher der letzte Ort war, an dem nicht kontrolliert wurde. Die MÜG werde nun verstärkt auch Randzonen bestreifen, um Partys zu verhindern: „Solche Veranstaltungen mit einem Mix aus Alkohol und Drogen sind stets problematisch, aber in Corona-Zeiten besonders.“

Jugendforscher Erol Yildiz von der Uni Innsbruck glaubt, dass Jugendliche die Krise nicht nur beschränkt, sondern kritischer gemacht hat.
© Uni Innsbruck

Ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Sicherheitsbehörden und Jugendlichen auf der Suche nach ein bisschen Freiheit werde es aber nicht geben, ist Lukas Trentini sicher. Er ist Teil des Geschäftsführungsteams von POJAT, Plattform Offene Jugendarbeit Tirol. Die Vernetzung mit den Sicherheitsorganen funktioniere weitestgehend gut, wobei klar sei, dass unterschiedliche Rollen und Aufgaben zu erfüllen seien. „Wir stehen auf der Seite der Jugendlichen, was nicht bedeutet, dass wir alles gutheißen, was sie tun, aber wir nehmen sie ernst.“ Die Jugendzentren und Einrichtungen Mobiler Jugendarbeit (95 Standorte in Tirol) reagieren auf diesen besonderen Sommer – viele junge Leute können nicht wegfahren, die Familienbudgets sind erschöpft, der Babyelefant omnipräsent (maximal 20 Personen in Jugendzentren) – mit einer Offensive.

„Viele Impulse für Veränderung“

Wie sehr belastet Corona Jugendliche?

Erol Yildiz: Es ist für alle eine Umstellung und eine Art Experiment. Jugendliche sind besonders betroffen. Die Reglementierungen haben ihre Lebensweisen und Freiräume stark eingeschränkt und wurden als belastend, von manchen als überzogen empfunden. Überwiegend wurden die Maßnahmen unterstützt. Jugendliche fühlten sich herausgefordert, andere Spielräume zu (er)finden – vom Balkonkonzert bis zur digitalen Welt. Junge Menschen sind sehr interaktiv.

Ist das riskant?

Yildiz: Sie wurden mit besonderem Argwohn bedacht, wenn es um Übertretungen der Sicherheitsregeln ging. Kam es vereinzelt zu Aufbegehren gegen eine zu streng empfundene „Disziplinierung“, wurde verallgemeinert. Von dieser Altersgruppe geht aber kein nachweislich höheres Infektionsrisiko aus. Ich würde sagen, dass es oft junge Leute sind, die Einkaufshilfen und andere Unterstützung für Ältere angeboten haben. Man sollte auch nicht vergessen, welchen Beitrag ihr Zivildienst geleistet hat.

Wie können sich Jugendliche weiter treffen?

Yildiz: Mit Umsicht sind Treffen möglich. Vieles hat sich normalisiert. Die letzten Monate haben bei Jugendlichen auch zu einem kritischen Nachdenken geführt. Beim Home-Schooling ist auch die soziale Benachteiligung vieler Familien spürbar geworden. Auch andere Probleme haben sich wie unter dem Brennglas gezeigt. Deswegen werden von jungen Menschen noch mehr Impulse für Veränderungen ausgehen.

„Das Angebot wird ausgedehnt, die Einrichtungen haben wesentlich weniger Schließtage“, so Trentini. Wichtig sei weiterhin, dass alle Jugendlichen mitreden können, was ihren Platz in der Gesellschaft angeht, und dass mehr öffentlicher Raum für sie zur Verfügung steht, von dem sie nicht gleich vertrieben werden. Das dürfe nicht nur für die Privilegierten gelten. Man bemerke eine große Verunsicherung, vor allem die ungewisse Zukunft etwa hinsichtlich Lehrstellen mache vielen zu schaffen. „Ansonsten beschäftigen die Jugendlichen die Themen, die immer relevant sind: Liebe, Sex und auch das Ausprobieren von Rauschmitteln. Partys sind ein ganz wesentlicher Teil.“

Trentini merkt kritisch an, dass die Jugendlichen während der Krise vergessen wurden. „Es war interessant, dass man früher Golfen und Segeln konnte als ins Jugendzentrum. Dabei haben die Jugendlichen einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Krise geleistet. Für ihren Beitrag und die Entbehrungen gebührt ihnen Dank und Anerkennung.“

Auch Tirols Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser teilt diese Einschätzung. Bisher hätten sich noch nicht viele Jugendliche gemeldet, über die Eltern kämen jedoch Anfragen, wie streng etwa die Regeln im Schwimmbad angewandt würden.

Auf der Suche nach ungestörten Plätzen weichen die Jungendlichen verstärkt in die Natur aus. Gabriele Pfurtscheller, Leiterin der Tiroler Bergwacht, sagt, dass es auch um Innsbruck Hotspots von Wildcampern gebe. Doch nicht nur die Jungen würde es in Corona-Zeiten verstärkt in die Abgeschiedenheit ziehen. „Die größten Probleme sind Lärm, Müll und das Feuermachen. Hier kann rasch ein Brand entstehen.“ Sie verstehe, dass speziell Jugendliche rausmüssten, aber Regeln müssten eingehalten werden.


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