100 Jahre Agatha Christie: Die Theorie muss zu den Tatsachen passen

Vor 100 Jahren erschien Agatha Christies erster Roman. Zum Jubiläum wird „Das fehlende Glied in der Kette“ nun neu aufgelegt.

Hercule Poirot (im Bild dargestellt von Peter Ustinov) ermittelte schon in Agatha Christies erstem Roman.
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Innsbruck – Agatha Christie (1890–1976) ist eine der stilprägenden Pionierinnen der britischen Kriminalliteratur. Ganz besonders zwei ihrer Figuren haben über die Jahrzehnte ihren legendären Ruf behalten: Die etwas kauzige Miss Marple und der französische, pardon, belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot.

Krimiautorin Agatha Christie (1890–1976).
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Einhundert Jahre ist es jetzt her, dass Agatha Christie ihren ersten Kriminalroman veröffentlichte. „Das fehlende Glied in der Kette“ heißt die deutsche Fassung, die zum Jubiläum neu aufgelegt wurde. Christi­e schrieb den Roman während des Ersten Weltkriegs, als ihr Mann als Soldat in Frankreich stationiert war und sie selbst als Freiwillige im Krankenhaus arbeitete.

„Das fehlende Glied in der Kette“ war nicht Agatha Christies erster Roman, aber der erste, für den sie einen Verleger fand. Hier konnte sie ihre Vorliebe für die Geschichten um Sherlock Holmes mit ihrer eigenen Lebenswelt verbinden. Auf den ersten Blick ist „Das fehlende Glied in der Kette“ ein Roman über eine Mördersuche. Aber bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass sich im Debüt der damals noch nicht 30-jährigen Schriftstellerin schon die meisten derjenigen Elemente finden lassen, die für Christies Weltkarriere prägend waren.

"Aber seine Haltung verriet Würde"

Die Handlung ist recht schnell erzählt. Der junge Arthur Hastings erholt sich von einer Kriegsverletzung, als er per Zufall einen alten Freund trifft, der ihn für ein paar Tage auf den Landsitz seiner Familie einlädt. Schon in der ersten Nacht erlebt Hastings mit, wie die Hausherrin qualvoll stirbt. Die Umstände sind so merkwürdig, dass der Verdacht aufkommt, die alte Frau könnte vergiftet worden sein.

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Hastings, der Erzähler der Geschichte, kennt jemanden, der helfen könnte. Der in seiner Heimat sehr erfolgreiche belgische Detektiv Hercule Poirot lebt während des Krieges in England und ist Hastings gerade über den Weg gelaufen. Der beschreibt ihn genau: „Er war knapp einen Meter sechzig groß, aber seine Haltung verriet Würde. Sein Kopf hatte genau die Form eines Eies. Sein Schnurrbart war mit militärischer Strenge steif gezwirbelt.“

Hastings bittet Poirot, bei den Ermittlungen zu helfen, und er begleitet den Detektiv, so dass er stets aus erster Hand von Entdeckungen und Vermutungen berichten kann. Jede Person im Landhaus gerät irgendwann einmal unter Mordverdacht, und Poirot geht seine eigenen ermittlerischen Wege. Seine Devise ist stets: „Alles muss berücksichtigt werden. Falls die Tatsache nicht zur Theorie passt, muss die Theorie fallengelassen werden.“

Natürlich gelingt es Poirot durch die Interpretation auch der kleinsten Details, den komplexen Fall zu lösen. Die Art und Weise, wie er vorging und wie Agatha Christie dies beschrieb, überzeugte viele Leser. So schrieb der Rezensent der New York Times: „Dies mag zwar das erste Buch von Agatha Christie sein, aber sie schreibt mit der Cleverness einer erfahrenen Autorin.“

Tipp

Kriminalroman: Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette.

Atlantik bei Hoffmann und Campe, 224 S., 20,60 Euro.

Ausgehend von „Das fehlende Glied in der Kette“ entwickelte sich für Agatha Christie eine Weltkarriere als Schriftstellerin – und sie wagte, obwohl wahrlich keine Stilistin, das eine oder andere Experiment: In einem Roman, welcher soll hier nicht gesagt werden, enttarnte sie den Ich-Erzähler als Mörder, in einem anderen, entpuppt sich eine ganze Wagenladung von Leuten als Messerstecher und seinen letzten Fall löste Hercule Poirot als toter Mann.

„Vorhang“ erschien 1975 – und spielt auf demselben Landsitz wie „Das fehlende Glied in der Kette“. Ein Jahr später starb auch Agatha Christie. Mehr als 60 Kriminalromane hatte sie bis dahin veröffentlicht. Mit weltweit mehr als zwei Milliarden gedruckten Exemplaren gilt Christie bis heute als auflagenstärkste Autorin aller Zeiten. (dpa, TT)


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